KR-21 - Erkundung einer Überfahrt über die Adria

 

verfasst 2013 - geändert am 19.05.2013

 

In meinem Beitrag KR-04 - „Adria-Überquerung: Vorstellung von Optionen“ habe ich mögliche Überfahrten in der Adria von Ost nach West vorgestellt. Explizit bin ich auf die Überfahrt von Kroatien nach Italien eingegangen und zwar auf die Route von der Insel Susac über die Insel Palagruza zu dem Eiland Pianosa oder nach Peschici am Gargano.

 

Im Rahmen einer Überarbeitung und Ergänzung meiner Beitrage: KT-10 - „Sichtweite, Teil 1“ und KT-11 - „Sichtweite, Teil 2“ mit den Konstanten und Tabellen unter Einbeziehung der Refraktion, die für die Entferungsabschätzung ein etwas besseres Ergebnis liefern, haben ich mir diese speziellen Überfahrten einmal näher angesehen und mir einige Gedanken über die Durchführbarkeit gemacht. Diese möchte ich nun vorstellen.

 

Bei der Planung dieser Adria-Überquerung möchte ich zunächst einmal wissen, ob ich auf den einzelnen Streckenabschnitten ununterbrochen die Start- oder Ziel-Insel oder sogar beide sehen kann. Für mich ist die Sicht auf mindestens eine der Inseln aus psychologischen Sicherheitsgründen von immenser Bedeutung, trotz Kompass und GPS-Gerät als zusätzliches elektronisches Hilfsmittel. Voraussetzung dafür ist natürlich hervorragende Sicht und ruhiges, beständiges Wetter.

 

Wenn ich ein 90 m hohes Leuchtfeuer (Leuchtturm Palaguza) auf der Kimm erkennen kann, ergibt die geometrische Rechnung eine Entfernung von 33,9 km + 3,1 km (Distanz vom Kajak zur Kimm) = 37,0 km. Durch die Refraktion kann sie aber ohne weiteres auch 36,6 km + 3,3 km = 39,9 km betragen. Ich sehe mein Ziel deshalb auch früher. Interpretieren könnte ich die Werte wie folgt: Für die Planung von einer Überfahrt von Susac nach Palaguza mit 46,0 km müsste ich davon ausgehen, dass ich den Leuchtturm bei gutem Wetter in einer Entfernung von etwa 37,0 km sicher ausmachen kann. Ich müsste deshalb von Susac rund 9,0 km in Richtung Palaguza paddeln, bis der Leuchtturm zum ersten Mal auftaucht. Der Leuchtturm von Susac, meinem Startort, erreicht eine Höhe von 95 m, der dann frühestens nach 34,8 km + 3,1 km = 37,9 km hinter mir verschwinden würde. Das heißt, ich müsste auf einer Strecke von 28,9 km beide Leuchttürme sehen können. Rechne ich eine mittlere Refraktion von 8 % auf beiden Seiten mit ein, erkenne ich Palaguza schon in 39,9 km und Susac gerade noch in 40,9 km und kann dann beide auf einer Strecke von 34,8 km zusammen sehen. An und für sich dürfte ich bei dieser Überfahrt keine Sichtprobleme haben, gutes Wetter vorausgesetzt. Kleiner Hinweis: Die höchste Erhebung der Insel Susac ist über 240 m hoch, liegt aber von meinem Startort aus gesehen am anderen Ende des Eilands. Deshalb habe ich für die Berechnung die Leuchtturmhöhe direkt an meinem Lagerplatz am Starttag gewählt, um in einer Notlage auf dem kürzesten Weg zurückkehren zu können. 

 

Das erste kleine nautische Intermezzo:

 

Bei der Überfahrt von der Insel Susac zur Insel Palagruza wäre ich bei einer Entfernung von 46 km, einem Kurs von 207 Grad und einer Paddelgeschwindigkeit von 5 km/h, rund 9 Stunden unterwegs. Rechne ich den Maestral, den beständigen Sommerwind der Adria, der in der Regel zwischen 10 und 11 Uhr mit durchschnittlich 3 Beaufort aus einer Richtung von ca. 145 Grad zu wehen beginnt, mit ein, werde ich, wenn ich bereits um 06.00 Uhr lospaddle, in rund 5 Stunden (ungefähr 4 Stunden lang kann ich ja mit Windstille rechnen - bei normalen Wetterbedingungen) um die 15 km in Richtung „südost“ abgetrieben. Nach dem Kursdreieck müsste ich dann ab dem Einsetzten des Maestrals etwa 23 km mit einem Kurs von 244 Grad rund 5 Stunden paddeln, um mein Ziel Palaguza direkt zu erreichen, was einer Paddelgeschwindigkeit von knapp 5 km/h (genau: 4,6 km/h) entspricht. Durch die Mithilfe des Maestrals (Driftversatz), der schräg von hinten auf den Kajak einwirkt, würde sich dieser Inselsprung um etwa 3 km verkürzen. Bei der Kurskorrektur müsse die Insel Palaguza bereits zu sehen sein, sodass ich den Kurs an das Ziel immer wieder anpassen könnte.

 

Ganz anders sieht es bei der Weiterfahrt zur Insel Pianosa aus: Pianosa liegt gerundet ebenfalls 46 km aber bei einem Kurs von 246,5 Grad südwestlich von Palaguza entfernt und ist nur 15 m hoch mit dem Leuchtfeuer geschätzt maximal 30 m. Man würde die Insel, bei 30 m Höhe, erst in einer Entfernung von 22,7 km ausmachen können (24,4 km mit Refraktion). Ich müsste von Palaguza aus 23,3 km auf das offene Meer paddeln, das sind immerhin knappe 5 Stunden, um das Eiland Pianosa mit Sicherheit auf der Kimm (Leuchtfeuer) sehen zu können.

 

Bei guter Sicht könnte man beide Inseln auf einer Länge von 13,7 km sehen, unter Einbeziehung der Refraktion sogar auf 18,3 km. Im ungünstigsten Fall bei einer Inselhöhe von nur 15 Metern, wenn das Leuchtfeuer nicht zu sehen wäre, verringert sich die gleichzeitige Sicht auf beide Inseln auf 7,9 km ohne und auf 12,1 km mit Refraktion. Hier schrumpft die Sicht auf die Inseln schon erheblich zusammen. Trotzdem könnte es gelingen, auch diese Überfahrt zu meistern. Allerdings müsste man dann die Abdrift, wie oben im „ersten kleinen nautischen Intermezzo“ erwähnt, unbedingt berücksichtigen. Und da schauen die Bedingungen ganz anders aus - wesentlich bedenklicher!

 

Das zweite kleine nautische Intermezzo (gleicher Text, andere Werte):

 

Bei der Überfahrt von Palagruza nach Pianosa wäre ich bei einer Entfernung von 46 km, einem Kurs von 246,5 Grad und einer Paddelgeschwindigkeit von 5 km/h, ebenfalls rund 9 Stunden unterwegs. Rechne ich den Maestral, den beständigen Sommerwind der Adria, mit den gleichen Bedingungen wie oben beschrieben, mit ein, werde ich wieder um die 15 km in Richtung „südost“ abgetrieben. Nach dem Kursdreieck müsste ich dann ab dem Einsetzten des Maestrals etwa 32 km mit einem Kurs von 274 Grad rund 5 Stunden lang paddeln, um mein Ziel Pianosa direkt zu erreichen, was einer Paddelgeschwindigkeit von knapp 6,5 km/h (genau:6,4 km/h) entspricht. Wegen des Maestrals, der hier nahezu in einem rechten Winkel auf den Kajak einwirkt, würde sich dieser Inselsprung um etwa 6 km verlängern und zwangsweise zu einer erhöhten Paddelfrequenz führen. Bedenklich wäre auch, dass ich die Insel Pianosa bei der erwarteten Kurskorrektur (wegen des einsetzenden Maestrals) nach 4 Stunden vermutlich noch nicht sicher sehen kann, was zu einer gewissen Unsicherheit führen könnte. In diesem Fall würde ich eine günsrtigere Ausweichroute sehr zu schätzen wissen.

 

Als praktikable Alternativ wäre daher die Strecke von Palagruza nach Peschici am Gargano in Erwägung zu ziehen. Die Passage würde dann mit knapp 54 km um 8 km länger. Aber der Gargano ist sehr hoch, bis zu 800 m und bei guten Sichtverhältnissen somit ein sicheres Ziel, während das kleine Eiland Pianosa schon navigatorisch und auch paddlerisch wegen der Strömung und der Abdrift durch den Maestral eine Herausforderung darstellt. Siehe dazu auch die kritischen Hinweise in meinem Beitrag KR-04 - „Adria-Überquerung: Vorstellung von Optionen“.

 

Das dritte kleine nautische Intermezzo (gleicher Text, andere Werte):

 

Bei der Überfahrt von der Insel Palagruza zum Gargano nach Peschici, wäre ich bei einer Entfernung von 54 km, einem Kurs von 203 Grad und einer Paddelgeschwindigkeit von 5 km/h, rund 11 Stunden unterwegs. Rechne ich den Maestral, den beständigen Sommerwind der Adria, mit den gleichen Bedingungen wie ganz oben beschrieben, mit ein, werde ich um die 21 km in Richtung „südost“ abgetrieben. Nach dem Kursdreieck müsste ich dann ab dem Einsetzten des Maestrals etwa 30 km mit einem Kurs von 241 Grad rund 7 Stunden lang paddeln, um mein Ziel Peschici am Gargano direkt zu erreichen, was einer Paddelgeschwindigkeit von etwa 4 km/h (genau: 4,3 km/h) entspricht. Durch die Mithilfe des Maestrals, der schräg von hinten auf den Kajak einwirkt, würde sich dieser Inselsprung um etwa 4 km verkürzen. Bei guter Sicht müsste der Gargano eigentlich immer sichtbar sein, auf alle Fälle ab der Kurskorrektur. Die Ortschaft Peschici liegt am Ostrand der Halbinsel, auch der „Sporn des italienischen Stiefels“ genannt, und kann demnach sehr gut angepeilt werden.

 

Fazit

 

Vor Ort plane ich als Solo-Seekajaker meine Tour für den nächsten Tag sehr gewissenhaft, hängt doch das Gelingen und die Sicherheit davon ab. Beim Seekajaking navigiert man wesentlich anders als beim Yachtsegeln! Im Kajak steht mir kein Navigationstisch zu Verfügung, an dem ich meine Berechnungen und Messungen vor Ort machen kann. Da muss ich alles bereits vorher ermittelt, aufgeschrieben oder im Kopf gespeichert haben. Je mehr ich zu Hause plane, desto weniger muss ich auf der Reise selbst arbeiten und kann dabei das Outdoor-Leben besser genießen. Bei Überfahrten weiß ich genau, wie weit die zurückzulegende Strecke sein wird, sodass ich Entfernungen während der Fahrt nicht mehr berechnen muss. Ich habe mir bereits vorher Gedanken gemacht, ab wann ich das Ziel absolut sicher sehen kann, entsprechend gute Wetterlage vorausgesetzt (Tabelle ohne Refraktion) oder, gemäß den Beispielen oben, wie weit ich noch maximal paddeln muss, vom ersten Erscheinen meines Ziels an der Kimm bis zum Ausbooten am Strand (Tabelle mit Refraktion).

 

Wenn das Ziel bei ruhigen Wetterverhältnissen vor mir an der Kimm auftaucht, weiß ich von der Planung her, wie weit ich dann davon entfernt bin, vorausgesetzt, ich habe sorgfältig gearbeitet. Alle weiteren Entfernungseinschätzungen absolviere ich anschließend mit den visuellen Mitteln, die ich in dem Beitrag KT-12 - „Abschätzen von Entfernungen im Nahbereich“ geschildert habe.

 

Paddeltechnisch ist die Überfahrt von Palaguza zum Gargano am leichtesten und am sichersten durchzuführen, eigentlich die optimale Option. Man kann sogar mit kürzeren Fahrzeiten rechnen, wenn man die gemächlichen 5 km/h einhält. Man muss aber darauf achten, dass man, wenn man den Kurs von 241 Grad paddelt, rechtzeitig auf den direkten Kurs nach Peschici einschwenkt und praktisch mit der Drift, mit Wind und Wellen auf sein Ziel zupaddelt. Eigentlich wäre das ein grandioser Abschluss dieser Überfahrt.

 

 

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