KR-17 - Vom Umgang mit der Obrigkeit auf dem Balkan - Teil 3

 

verfasst 2012 - geändert am 18.11.2012

 

Rumänien war 2004 ein weiterer Aspirant für die Aufnahmen in die Europäische Union. Ich war deshalb sehr neugierig, wie sich die offiziellen Vertreter dieses Landes gegenüber uns Bürgern aus der EU verhalten werden, zu der sie selbst ja in wenigen Jahren gehören wollten.

 

Von Silistra in Bulgarien paddelte ich die rund 1,5 km bis zur Fährstation in Rumänien am Südufer der Donau. Die Fährverbindung selbst lag auf dem Territorium von Rumänien, wurde aber offiziell als Fähre von Bulgarien nach Rumänien betitelt. Die Grenzer vom Südufer der Donau fühlten sich für Kajaker auf dem Fluss nicht zuständig, nur für die Autos auf der Straße und schickten mich auf die andere Seite der Donau zu ihren Kollegen. Also wieder rein in den Kajak und die 1,7 km über die Donau gepaddelt bis zu den Grenzern am Nordufer. Diese befanden meine Papiere als völlig in Ordnung. Den Stempel in den Pass bekäme ich aber erst bei der „Wasserpolizei“ in Cernavodă. Die Stadt läge rund 70 km flussabwärts. Wenn ich mich beim Hafenmeister melde, wird der alles Weitere veranlassen. Ich erklärte, dass ich das heute unmöglich schaffen werde und einmal übernachten müsse und fragte ein wenig besorgt nach den Kontrollen in Rumänien. Dies sei überhaupt kein Problem, meinte mein Gesprächspartner, offiziell war ich ja eingereist und die Grenzpolizei werde mir nicht „nachspionieren“ und fügte mit einem Lächeln hinzu: „Ab jetzt fließt die Donau ausschließlich durch Rumänien und ist kein Grenzfluss mehr. Da sind die Kontrollen nicht mehr notwendig - erst wieder ab Galați, wenn sie zum Grenzfluss von Rumänien und der Ukraine wird.“

 

Am nächsten Tag war Cernavodă schnell erreicht und der Hafenmeister gleich gefunden. Er residierte in dem einzigen Gebäude auf einem Landungssteg im Hafen. Kaum hatte er mich begrüßt und versucht, die Polizei telefonisch zu erreichen, stand diese auch schon in der Tür. Wie Bulgarien schien auch Rumänien ausgezeichnet informiert zu sein, wenn auch nicht so theatralisch mit Polizeiboot an der Grenze.

 

Ein Uniformierter und ein Beamter in Zivil begrüßten mich mit Handschlag. Während der Polizist meine Personalien aus dem Pass aufnahm, fragte mich der „Zivilist“ aus: woher, wohin, wie lange, usw., wieder die üblichen Fragen. Allerdings war ich der Meinung, dass der Herr im Anzug nicht vom Zoll gewesen war. „Er erinnert irgendwie an einen Politkommissar aus den Erzählungen von den ehemaligen sozialistischen Musterstaaten“, dachte ich bei mir. Aber er war sehr höflich und interessierte sich eigentlich mehr für meine Kajaktour zu den Olympischen Spielen in Griechenland, die ich als Grund und Ziel für meine Paddelreise angegeben hatte. Vielleicht half auch meine beiläufige Bemerkung ein wenig weiter, dass ich dort erwartet werde. Nach einiger Zeit bekam ich den Stempel in den Pass und den guten Tipp, nicht in Constanța, sondern in Mangalia, der letzten Ortschaft am Meer vor der bulgarischen Grenze, auszuchecken. Dort sei es nicht so überlaufen und deshalb wesentlich günstiger.

 

Auf meine Frage, ob man heute am Sonntag irgendwo etwas Geld wechseln könne, meinte der Grenzer, die Banken seinen geschlossen und er bot sich an, mir einen kleinen Betrag umzutauschen. Ich nahm an, weil ich dann nicht in die Stadt gehen musste, denn ich hatte das Boot nur so recht und schlecht an Land ziehen können. Der Kurs war zwar miserabel, was sicherlich auf die Geschäftstüchtigkeit der Rumänen zurückzuführen war. Aber ich hatte halt keine Schwierigkeiten, am Sonntag irgendwo in der Stadt Geld zu wechseln. 20 Euro waren nicht allzu viel. Da hielt sich der Verlust in Grenzen.

 

Nur so nebenbei: Als ich mit meinem Camper/Schlaglochspion 2008, mit der Fähre von Vidin in Bulgarien nach Calafat in Rumänien übergesetzt hatte, beide Länder waren damals bereits seit einem Jahr Mitglied der EU, musste ich paradoxerweise nicht mehr in Bulgarien eine Einreisegebühr entrichten, sondern in Rumänien. Es könnte sich auch um eine Straßenbenutzungsgebühr gehandelt haben. Es war auch möglich, in Euro zu bezahlen, was die Prozedur natürlich sehr vereinfachte, zumal ich noch keine rumänischen Währung zur Verfügung hatte. Ich hatte damals in mein Tagebuch geschrieben: Als Kopfgeld“ nach Rumänien verlangte der „Offizielle“ 8 Euro, mit dem Hinweis, dass eigentlich 10 Euro der normale Tarif seien, er aber großzügigerweise nur 8 verlange, weil er eine besonders gute Beziehung zu Deutschland habe und unser Land liebe. Vermutlich wollte er die restlichen zwei Euro für sich behalten. Ich bekam sogar eine behördliche Quittung aushändigte. Allerdings bemerkte ich erst bei der Buchführung am Abend und auch nur unter Zuhilfenahme einer Lupe, weil ich das Kleingedruckte absolut nicht lesen konnte, dass in dem Beleg nur 6 Euro ausgewiesen waren. Also hatte dieser Vertreter des rumänischen Volkes und als Grenzbeamter, auch ein Aushängeschild des Staates, sich bereits selbst bedient und legte es obendrein noch darauf an, sein Bakschisch um 100 Prozent zu erhöhen, wenn ich seinem zielgerichteten Hinweis, den Betrag auf 10 Euro aufzurunden, nachgekommen wäre. Soviel nur zur „Geschäftstüchtigkeit“ der Rumänen. Man könnte es aber auch treffender als „Schlitzohrigkeit“ bezeichnen.

 

Ein kleiner Einschub zur Lagertechnik: Auf dieser Kajaktour war ich zum ersten Mal mit einem Tarp unterwegs. Eigentlich war es eine ordinäre Baumarkt-Abdeckfolie 2 m x 3 m. Sie hatte sich bestens bewährt und ich werde meine zukünftigen Kanutrips im Mittelmeer ausschließlich mit einem Tarp unternehmen (siehe dazu meine Lagerplatzbilder). Die Heimwerkerplane hatte sogar heftige Stürme überstanden und zwei weitere Langfahrten ausgehalten. In der Regel spannte ich die Plane sehr hoch mit drei Zeltstab-Elemente auf, damit ich bequem, sonnengeschützt und luftig unter dem Dach sitzen konnte, in den heißen Sommermonaten am Mittelmeer eine zwingend erforderliche Maßnahme, wenn kein natürlicher Schatten vorhanden war. Weil meine Elemente unterschiedlich lang waren, konnte ich aber mehrere Höhen des Tarps realisieren. Auf dem Weg nach Galați wetterte ich in einer Nacht in meinem Lager am offenen Flussufer einen ausgeprägten Sturm ab, mit nahezu waagerecht ankommendem Regen. Zum Glück hatte er sich rechtzeitig angekündigt, so dass ich die nötigen Vorkehrungen treffen konnte. In diesem konkreten Fall lag der schwer beladene Kajak, das Lager schützend, auf der Luvseite. Die lange Seite des Tarps spannte ich um den Kajak bis über die Rundumleine und zurrte es so fest, dass der Stoff außen am Boot eng anlag und weder Wind noch Regen zwischen Tarp und Kajak hindurchgedrückt werden konnten. Die Höhe reduzierte ich auf zwei Elemente (ca. 60 cm). Der Nachteil war, dass ich unter das Dach kriechen musste, der Vorteil, dass mein Lager absolut sturmfest war. Die Giebel spannte ich mit einer dickeren Schnur ab, die gleichzeitig als Firstleine ihren Dienst verrichtete. Als Zeltnägel dienten hier zwei Moniereisen mit 6 mm Durchmesser und 40 cm Länge (Nicht gerade ultraleicht, dafür erfüllten sie aber perfekt ihren Zweck!), die ich in das Gras einschlug. (Im losen Kies der Meeresbuchten beschwerte ich die Halteschnur vor den Heringen bei Bedarf zusätzlich mit großen Steinen.) Die lange Tarpseite in Lee spannte ich mit 4 Leinen straff ab. Zwischen Stoff und Boden betrug der Abstand ca. 15 cm. Mit dieser Anordnung überstand ich die Sturmnacht unbeschadet, trocken und konnte beruhigt schlafen - dieses Mal sogar ohne Mücken!

 

Die Grenze zur Ukraine wurde von den Rumänen stark bewacht. Scheinbar war hier ein Schmugglerparadies entstanden. Drei Kontrollen musste ich über mich innerhalb kurzer Zeit ergehen lassen.

 

Die erste von den offiziellen Grenzwachen, die in ihrem Boot auf mich warteten, höflich, verbindlich auf englisch mit einem Smaltalk am Schluss. Es war alles in Ordnung und als ich mich in den Kajak gesetzt hatte und weiter den Fluss hinunterpaddelte, war ich der Meinung, für die nächste Zeit von der Überwachung verschont zu bleiben. Das war aber ein Trugschluss gewesen.

 

Nach rund 7 Kilometer rief mich ein junger Soldat an, den ich zunächst einfach negierte. Erst als mich Fischer gezielt auf den Armeeangehörigen aufmerksam machten, dass ich gemeint sei, blieb mir nichts anderes übrig, als an Land zu fahren. Der Soldat wollte mich noch einmal kontrollieren. Er verstand ein wenig englisch. Als ich ihm erklärte, ich sei erst vor einer Stunde von der Grenzpolizei gestoppt worden und er solle doch über Funk oder Handy bei der zuständigen Behörde nachfragen, ließ er mich ziehen, ohne dass ich wieder meinen Pass aus dem Kleidersack kramen musste und wünschte mir sogar eine gute Reise zu den Olympischen Spielen nach Athen. Ja, auch angenehme Ausnahmen bestätigen eben die Regel!

 

Wieder etwa 15 Kilometer weiter erging es mir allerdings nicht so gut. Kurz nach einem heftigen Regenschauer und starkem, sehr kalten Wind holte mich erneut eine Streife an Land. Einer war mit Feldstecher und „Handgurke“ (militärisches Funkgerät, älterer Bauart) ausgerüstet und mimte den Chef. Der Andere hatte ein Sturmgewehr vom Typ AK-47 vor der Brust hängen, das auch als Kalaschnikow bekannt war. Etwas genervt erklärte ich dem „Chef“ des Duos, ich sei bereits zweimal angehalten und meine Personalien aufgenommen worden. Er solle sich bitte mit seiner Zentrale in Verbindung setzten. Dort müssten ja die Vorgänge registriert sein. Es sei ihm egal, erwiderte daraufhin die Amtsperson bissig, er sei weder von den Grenzern, noch ein Soldat. Er gehöre der Ortspolizei an und die sei in Rumänien selbständig. Jetzt lernte ich die Umkehrung der alten osteuropäischen Devise in der Praxis kennen: „Willst Du schnell weiterkommen, übe Dich in Geduld!“ Ich hatte es mir bei diesem Polizisten gewaltig verscherzt! Barfuß im eiskalten Wasser der Donau stehend, mit regennassem T-Shirt bei zugigem frischen Wind, erfuhr ich, wie akribisch genau ein rumänischer Ortsgendarm eine Kontrolle durchführen konnte, wenn er sich in seiner Kompetenz auf den Schlips getreten gefühlt hatte. Er schrieb jede Einzelheit meines Passes auf, gab sie anschließend über Funk seiner Zentrale mit aller Gründlich- und Genauigkeit durch, diskutierte lange mit seinem Kollegen an der anderen Seite der Verbindung. Als er noch die Dokumente des Kajaks einsehen wollte, erklärte ich ihm, dies sei ein Sportboot ohne Motor und benötige keine Dokumente, das sei international so vereinbart. Wieder bediente er sich seines Funkgeräts, setzte sich mit seiner Zentrale erneut in Verbindung und führte ein ausgiebiges Gespräch. Mir kam es so vor, als ob sie über die Auslegung des Gesetzestextes und der dazugehörenden Ausführungsanweisungen einen intensiven Diskurs führten, ob für ein motorloses Sportboot eine Betriebserlaubnis erforderlich sei oder nicht. Die Zentrale schien ihm aber jetzt dasselbe erklärt zu haben wie ich, denn ich bekam meinen Pass kommentarlos zurück und durfte jetzt alles wieder einpacken. Ich konnte meinem Gegenüber ansehen, dass er ziemlich zerknirscht war, keinen Volltreffer gelandet zu haben. Kurz und bündig waren nun seine Bemerkungen, dass ich weiterfahren könne. Aber und das rechne ich ihm hoch an, er wünschte mir dann doch noch eine gute Weiterreise, einen Wunsch, den ich gerne angenommen hatte, denn in der Zwischenzeit war es mir äußerst kalt geworden und ich war froh, wieder im Boot zu sitzen.

 

Keine 500 Meter weiter wurde ich wieder von zwei Uniformierten mit einem Feldstecher beobachtet, ein Pärchen, wie eben zuvor. Ich sah gerade noch im Augenwinkel, wie der eine mit dem Funkgerät seinen Kollegen mit Worten und Gestik davon abbrachte, mich erneut aufzufordern, anzulanden, um mich kontrollieren zu können. Scheinbar hatte derjenige am Funkgerät die Gespräche mitgehört, die kurz zuvor erfolgt waren. Dann winkte er mir zu, ich natürlich zurück und entging so der vierten Kontrolle an diesem Nachmittag.

 

Mir war völlig klar, dass die Rumänen diesen Grenzabschnitt extrem überwachen und beim Weiterpaddeln musste ich mir sogar eingestehen, ja sogar vorwerfen, dass ich mich für den „längeren“ Aufenthalt eigentlich selber an die Nase fassen müsse. Letztendlich machten die Jungs auch nur ihren Job! Wenigstens hatte dieses kleine Ereignis meinen Erfahrungsschatz sehr bereichert. Ansonsten war ich in dieser schwierigen Grenzregion mit der Obrigkeit eigentlich recht gut zurechtgekommen, wenn man berücksichtigte, dass hier die Nerven auch einmal blank liegen und die Emotionen dann hochkochen könnten.

 

Die Weiterfahrt auf der Donau und anschließend im Schwarzen Meer verlief ohne weiteren Zwischenfall. Erst kurz vor Mangalia, als ich in der Ortschaft Costinești in einem Hotel wegen Sturm und Regen einen Ruhe- und Reparaturtag eingelegt hatte, bekam ich wieder mit der Polizei zu tun.

 

Am Nachmittag bat man mich zur Rezeption, die Polizei wäre hier und wolle mich sprechen. Die Agenten sahen meinen Pass ein, an dem sie nichts auszusetzen hatten, als sie ihn mir zurückgaben. Dann schwenkten sie zu ihrem eigentlichen Anliegen um. Sie meinten, es sei hier in der Region ein großes Problem, ein so kleines Boot am Strand liegen zu lassen und empfahlen mir, es in die Nähe des Hotels zu transportieren. Die Dame am Schalter übersetzte das Gespräch. Dass die Obrigkeit so um das Wohl ihrer Gäste besorgt war, hatte mich nun doch sehr verwundert und ich war angenehm überrascht. Nachdem die Polizei weggegangen war, sagte ich der Dame, ich hätte Vertrauen zu den Einwohnern dieser Ortschaft. Außerdem war sie so freundlich gewesen, auf meinem Wunsch hin, mir das einzige freie Zimmer zur Verfügung zu stellen, von dessen Fenster aus ich meinen Kajak sehen konnte.

 

Mein Vertrauen in die Bevölkerung von Costinești wurde nicht enttäuscht und ich konnte am nächsten Tag meine Reise mit meiner vollständigen Ausrüstung fortsetzen. Als ich um das nahe gelegene Kap gebogen war und ich Mangalia bereits sah, begleitete mich eine Schule von Delphinen ein ganzes Stück. Es waren mindestens ein Dutzend Tiere. Auch Quallen, mit majestätischer Trägheit im Wasser pulsierend, bekam ich an diesem Tag zu Gesicht.

 

In Mangalia fuhr ich in den Hafen hinein, fragte ein Besatzungsmitglied eines Kutters, der dort an der Mole vor Anker lag, wo die Passabfertigung sei. Der Matrose schickte mich in den Zivilhafen. Nach mehrmaligem Nachfragen landete ich bei der Politia de Frontiera, wieder einmal bei der Grenzpolizei, die im Zivilhafen ein Büro unterhielt. Ein Offizier lotste mich nach längerem Erkundigen mit einer Barkasse wieder in den Handelshafen zurück, und half mir sogar beim schwierigen Anlanden an der felsigen Hafenmole. Dann begleitete er mich zur Passkontrollstelle. Dort verlief alles seinen geregelten bürokratischen Gang. Ich bekam meinen Ausreisestempel, unterhielt mich lange mit den anwesenden Offiziellen über mein Vorhaben und der Offizier begleitete mich wieder zum Kajak zurück. Wir verabschiedeten uns sehr herzlich und als ich dann abfuhr und am Leuchtturm vorbeipaddelte, kam er erneut mir der Barkasse und mit Blaulicht herangefahren und über die bordeigene Lautsprecheranlage wünschte er mir nochmals eine gute, erfolgreiche Reise.

 

Von Mangalia aus sind es noch etwa 10 km bis zur bulgarischen Grenze, also noch gemütliche 2 Stunden. Was ich in „Bulgarien Süd“ und in der Türkei so alles mit den Staatsorganen erlebt habe, kann man in meinem nächsten, vierten Bericht lesen.

 

 

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