KR-22 - Überfahrt von Folegandros nach Santorin in der Ägäis

 

verfasst 2010 - geändert am 17.05.2013

 

In meinem Lager am Strand neben dem Hafen von Karavostasis auf der griechischen Insel Folegandros bereitete ich mich auf die Überfahrt zur Insel Thira vor, die auch Santorin genannt wird. Ich wollte mir unbedingt den Vulkankrater ansehen, der vor rund 3.500 Jahren explodiert war und vermutlich die minoische Kultur auf Kreta ausgelöscht hatte. Ich beabsichtigte, nördlich der vorgelagerten kleinen Insel Thirasia, die den Westrand des Kraters bildet, in den Krater von Santorin einzufahren.

 

Folgende Daten konnte ch aus der Seekarte entnehmen:

 

Entfernung: 39 km (Nordkap von Thirasia)

Kurswinkel:116 Grad Ost (Nordkap von Thirasia)

Nadelabweichung 2003 errechnet: 2 Grad 56 min, ungefähr 3 Grad Ost

Höchste Erhebung der Insel: 564 m

Länge der Insel ca. 15 km

Winkel der Insellänge rund 18 Grad

Der Wind Meltemi wird vermutlich am frühen Nachmittag mit bis zu 5 Beaufort (bft) aus Nordwest einsetzen. Mit einer südöstlichen Abdrift ist zu rechnen.

 

Bei einer Höhe der Insel Thira von 564 m bestimmte ich mit der Formel, dass sie 85 km weit sichtbar war. Das heißt, ich müsste bereits einen großen Teil von Ihr irgendwo in östlicher Richtung sehen. In der umgekehrten Richtung mit 39 km Sichtweite gerechnet, bleiben rund 120 Höhenmeter vom Meeresspiegel verborgen. Ich sollte dann eigentlich 440 Höhenmeter vom Gipfel abwärts bemerken. Die Sicht von 3 km vom Boot zur Kimm wurden dabei vernachlässigt.

 

Aber ich konnte keine Insel ausmachen. Der Dunst an diesem Tag war zu dicht. Lediglich die Nachbarinsel Kardiotissa im Nordosten von Folegandros, rund 5 km entfernt, war deutlich zu erkennen. Dahinter lag verdeckt die größere Insel Sikinos, in einem Abstand von 10 km von meinem Lagerplatz.

 

Ich stellte nun folgende Überlegungen an:

 

Gut, die Insel Thira ist nicht sichtbar. Ich wollte zum Norden der Insel paddeln. Bei Nordwestwind ist mit einer südöstlichen Abdrift zu rechnen. Würde ich über die gesamte Länge von 18 km abgetrieben, wäre das bei einer Paddeldauer von rund 8 Stunden, eine Strömungsgeschwindigkeit von 2,25 km/h. Aus den Handbüchern hatte ich während meinen Reisevorbereitungen entnommen, dass unter normalen Verhältnissen die Strömungen in der Ägäis nicht über 0,5 Knoten, das ist rund 1 km/h hinausgehen. Auf meine Überfahrt zur Insel Thira bezogen, würde ich maximal bis zur Mitte der Insel versetzt werden, wenn die Drift von quer und nicht nur von halb quer kommen würde. In diesem Punkt läge ich auf alle Fälle auf der sicheren Seite, bei der gewünschten Insel auch wirklich anzukommen.

 

Bleibt die Frage offen, wann ich die Insel sehen werde. Für ein muskelbetriebenes Fahrzeug ein entscheidender Sicherheitsfaktor, der nicht zu unterschätzen ist, weil er auf die Psyche des Kanuten schlägt. Ab einer bestimmten Fahrdauer kommen allmählich Zweifel auf, ob der Kurs auch wirklich eingehalten worden ist und ob die Berechnungen auch stimmen, die sich bei ungünstigen und schlechten Voraussetzungen bis zur Verzweiflung und Panik steigern können. Falsche Schlüsse und Handlungen führen dann zu gefährlichen Situationen. Um diese von Haus aus zu vermeiden, suchte ich bei dieser Überfahrt eine Alternative: Nach halber Strecke, liegt die Insel Sikinos nicht weiter als 12 km nordwestlich entfernt. Diese wäre auch gegen 5 bft noch am Tag zu erreichen. Wenn ich also nach 4 Stunden Fahrt Thira noch nicht sehen würde, könnte ich immer noch nach Sikinos abdrehen.

 

Mit dieser Sicherheit im Hinterkopf und 4 Halbe griechischen Biers im Bauch, das ich mir in der Hafenkneipe genehmigt hatte, konnte ich, wieder an meinen Lagerplatz zurückgekehrt, völlig beruhigt einschlafen.

 

Die Fahrt am nächsten Tag verlief genau wie geplant. Der Dunst verdeckte Thira noch immer. Besorgt schauten ich zur Nachbarinsel Kardiotissa. Die war aber zusehen und mein Gemüt hellte sich auf.

 

Um 06.00 Uhr brach ich auf, peilte die Sonne an, deren runde Scheibe durch den Dunstschleier sichtbar war und merkte mir die Kompasszahl. Weil die Sonne in einer Stunde einen Winkel von rund 15 Grad zurücklegt, kann ich ohne Uhr die ungefähr verstrichene Zeit abschätzen. Dieses Ritual hat sich bei mir grundsätzlich zu jedem Tagesbeginn eingebürgert, wenn die Sonne sichtbar war.

 

Kaum war ich aus der Bucht gefahren, bemerkte ich einen Nordwestwind und Wellen mit 3 - 4 Beaufort. Scheinbar hatte der Meltemi an diesem Tag bereits am Morgen eingesetzt oder er wird am Nachmittag diesen zusätzlichen Wind ablösen. Der Kompasskurs errechnete sich von 116 Grad minus 3 Grad Missweisung auf 113 Grad Ost. Wegen des vorgefundenen Windes korrigierte ich den Kompasskurs auf 105 Grad Ost. Bereits nach 2 bis 3 Stunden tauchte wie aus dem Nichts majestätisch die Insel Thira auf. Zunächst erkannte ich nur eine helle, unscheinbare Silhouette. Aber nach einiger Zeit dunkelte sie nach und allmählich konnte man schon Einzelheiten an der Form des Inselberges erkennen. Langsam stieg die Insel Thira an der Kimm hoch und zeigte ihre volle Pracht.

 

Auch der Kurs stimmte. Ich konnte jetzt ohne weiteres an dem errechneten, abgerundeten Kompasskurs von 110 Grad entlangfahren. Die Drift würde mich dann bis zum Nordkap der Insel Thirasia versetzt haben. Gegen 14.00 Uhr bog ich in die Passage zum Krater von Santorin ein. Die Überfahrt mit 40 km war erfolgreich und ohne Komplikationen abgeschlossen.

 

Meine Schilderung fiel deshalb so ausführlich aus, damit man sehen kann, was man mit den wenigen Angaben aus einer Karte und einer einfachen Formel alles erkennt und wie man Situationen einschätzen kann und auch muss, damit die größte Sicherheit gewährleistet wird.

 

 

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