KR-15 - Vom Umgang mit der Obrigkeit auf dem Balkan - Teil 1

 

verfasst 2012 - geändert am 09.11.2012

 

Im „Vereinten Europa“ gibt es eigentlich kaum mehr größere Schwierigkeiten, wenn man die Grenzen passiert und/oder auf die regionale Obrigkeit stößt. Nur auf dem Balkan kann es noch vorkommen, dass man kleinere Überraschungen erlebt. Davon will ich in diesem und den nächsten Beiträgen berichten, als ich 2004 von Eining an der Donau zu den Olympischen Spielen in Athen mit meinem Paddelboot unterwegs gewesen bin.

 

In Hainburg, der letzten österreichischen Ortschaft an der Donau ergänzte ich meine Lebensmittel und befüllte meinen Wassersack, bevor ich weiterzog in für mich nun unbekanntes Terrain. Nach einem rechten Donauknick entdeckte ich kurz nach der Grenze das Zollboot der Slowakei am linken Ufer an einem Steg vertäut. Ich paddelte hinüber und legte hinter dem Boot bei einem in Augenhöhe befindlichen Gitterrost des Bootes an. Die Strömung war sehr stark an dieser Außenseite der Flussbiegung, so dass ich mich schon recht gut festhalten musste, um nicht losgerissen und abgetrieben zu werden. Ein „Grenzerpärchen“ in schicker Uniform, ein junger Herr und ebenso junge Dame kamen vom Zollhaus ans Ufer und verlangten meine Dokumente. Ich begrüßte sie mit: „Willkommen in Europa, schön, dass ihr jetzt bei uns seid!“, weil die Slowakei erst ein paar Tage zuvor, am 01.05.2004, Mitglied der Europäischen Union geworden war. Da ich meine Papiere im Kleidersack hinter dem Sitz verstaut hatte, erklärte ich ihnen, ich müsse erst anlegen und aussteigen, um an meinen Pass heranzukommen. Weil es durch die steile Böschung und dem hohen Gitterrost an dieser Stelle nicht möglich war, aus dem Kajak zu steigen, suchte ich eine geeignete Stelle weiter flussabwärts und deutete auf diese. Scheinbar war es den beiden aber zu weit zu laufen. Nach einer kurzen Diskussion mit ihrem Kollegen und vielleicht das vereinigte Europa vergegenwärtigt, winkte mich die Beamtin, einfach weiter. Ich bedankte mich überschwänglich und fuhr ohne Kontrolle in die Slowakei hinein.

 

An der Grenze zu Ungarn in Komárom, ebenfalls ein taufrisches EU-Mitglied, hatte ich schon bei einem kurzen Halt vorher meinen Kleidersack hinter dem Sitz hervorgeholt, damit ich meinen Ausweis herzeigen konnte, falls man ihn verlangen würde. Die Zollstation war aber völlig verwaist. Ich fragte einen Arbeiter, wo der Zoll sei. Er deutete hier auf die Stelle, auf der er stand und dann auf das Gebäude dahinter. Kein Zöllner oder Polizist kam aus diesem Schuppen. So ließ ich den Kajak an der Zollbaracke vorbeitreiben und das war die ganze Grenzkontrolle. Weder ungarische, noch slowakische Beamte ließen sich blicken. Die Europäische Union hatte diesen kleinen Grenzverkehr scheinbar sehr schnell realisiert!

 

Die gemeinsame Grenzstation von Serbien, Kroatien und Ungarn war ebenfalls nicht besetzt und ich überließ mich wieder der Donau, die mich am gemeinsamen „dreiteiligen“ Zollhaus und an den drei Staatsfahnen gemächlich vorbeidefilieren ließ. Bis rund 40 km vor Novi Sad wechselten sich die Länder Kroatien und Serbien ständig ab, durch die die Donau periodisch floss. Dann strömte die Donau nur noch durch Serbien allein.

 

Ein kleines paddeltechnisches Intermezzo: Infolge des Balkankriegs 1999 waren alle Brücken in Novi Sad von der Nato zerstört worden. Der Verkehr über die Donau wurde mehr als sechs Jahre lang über eine Pontonbrücke abgewickelt, die nur dreimal wöchentlich für Schiffe geöffnet worden war. Weil ich mich auf eine Nachtfahrt eingelassen hatte, kam ich dort erst um Mitternacht an. Ich wollte nicht in dem Grenzgebiet von Serbien und Kroatien Gefahr laufen, verhaftet zu werden, wenn ich dort angelandet wäre und übernachtet hätte.

 

Langsam näherte ich mich der Brücke. Sie war nur schwach beleuchtet. Als ich die Enge der Durchfahrt erkannte, musste ich kräftig zurückpaddeln, denn ein Durchkommen schien unmöglich. Die Strömung der Donau traf in einem etwa 60-Grad-Winkel auf die Pontons und diese leiteten das Oberwasser nach rechts ab, direkt auf und unter das Ende des nächsten Pontons. Sie war auch so stark, dass ich befürchten musste, die Wassermassen würden mich unweigerlich gegen und unter den Riesenpott drücken. Was tun? Ich fuhr noch einmal nahe heran und beäugte die Situation: Die Pontons des Militärs waren an Bug und Heck symmetrisch, wiesen flach gebaute Enden auf, die etwa in einem 45-Grad-Winkel über die gesamte Breite des Kahns hochgezogen waren. „Wenn mich die Strömung gegen diese schräge Wand treibt, würde ich unweigerlich kentern und ich musste dann befürchten, auch noch unter den Rumpf gespült zu werden“, überlegte ich. Die Enden standen zueinander und in doppelter Reihe, ein Ponton für jede Fahrbahn der Straße. An der Vertäuung von zwei Pontons war ein Durchlass gegeben, von rund einer Kajaklänge in der Breite und etwa 2 m Höhe. Lang war der so aus 4 Pontons entstandene „Tunnel“ um die 10 Meter. Die Durchfahrt wäre machbar, wenn ich die starke Strömung an der Einfahrt überwinden könnte, ohne von ihr gegen die überhängende Wand geschoben zu werden. Dreimal setzte ich an und brach wieder ab. Immer stimmte irgend etwas nicht: Mal war der Winkel zu steil, mal zu flach, mal war ich zu langsam und bei allen drei Versuchen hatte ich einfach auch richtig Bammel. Beim vierten Ansatz packte mich der Mut und ich fuhr zwischen den Spannseilen auf den Pontondurchlass zu. Das Steuerruder hart nach links, mit dem Paddel zusätzlich einen Steuerschlag und ich war im „Tunnel“ der ersten beiden Kähne. Sobald ich den Eingang zwischen den Seilen und den Beginn der Pontons hinter mir gelassen hatte, war die gefährliche Querströmung plötzlich nicht mehr vorhanden und ich hatte überhaupt keine Schwierigkeit unter der restlichen Brücke gemächlich hindurchzupaddeln.

 

Erleichtert ließ ich mich jetzt treiben, hatte ja nun genügend Zeit bis zum Morgengrauen. Auf der Höhe der Theißmündung setzte die Dämmerung ein und ich konnte die Kilometrierung wieder erkennen. Rund 30 Kilometer vor Belgrad bootete ich aus, um etwas Schlaf nachzuholen und zu regenerieren. 195 km in einem Zug durchzupaddeln, zehrten doch sehr an meinen Kräften.

 

Als die Donau den Grenzfluss zwischen Rumänien und Serbien bildete, verlor ich einmal auf der serbischen Seite die Kilometerzählung und versuchte bei einer Kurve zur rumänischen Seite zu wechseln, um deren Kilometrierung lesen zu können. Naja, in Wirklichkeit wollte ich einfach abkürzen, denn der Rückstau von der Staustufe am „Eisernen Tor“ machte sich bereits bemerkbar, besser gesagt: Es reihten sich mehrere größere Becken vor dem „Eisernen Tor“ aneinander. Beim Autofahren würde man das als Kurveschneiden bezeichnen. Schon war ein rumänischer Grenzpolizist zur Stelle und hielt mich auf. Als ich dem Offiziellen weismachte, warum ich auf rumänisches Gebiet gewechselt war, hellte sich sein Gesicht zusehends auf und er erklärte stolz, es sei der Stromkilometer 1018. Natürlich musste jetzt eine entsprechende Bemerkung folgen, dass in Rumänien alles zum Besten geregelt sei, auch die zuverlässige Anzeige der Entfernungsmarken. Ich versprach, sofort wieder auf die andere Seite des Flusses zu wechseln. Ein netter Gruß und alles war erledigt. Es gibt auch sehr nette, unkomplizierte Grenzbeamte.

 

Beim Flusskilometer 870 kontrollierte mich die rumänische Grenzpolizei mit einem zivilen Motorboot erneut, weil ich die Linkskurve der Donau wieder etwas zu eng genommen hatte. Ich musste extra an Land fahren, um meinen Pass aus dem Kleidersack hinter meinem Sitz zu fischen. Es war aber alles in Ordnung und ich erklärte den Beamten, dass ich stolz bin, zum ersten Mal in meinem Leben mit festen Füßen auf rumänischem Boden zu stehen und ich als Paddler, ohne Motor, in der Stauzone meist die Diritissima anpeile. Der Chef der Bootsbesatzung schien ebenfalls Paddler gewesen zu sein, zumindest hatte er ein Faible für unseren Sport gehabt, denn er deutete grinsend über den Fluss und meinte, ich solle lieber schnellstens wieder nach dorthin verschwinden, weil bei mir der Einreisestempel nach Rumänien fehle. Mit dem Hinweis, dass es noch rund 8 km bis zum nächsten Wehr und der letzten Schleuse auf der Donau seien, verabschiedeten er sich sehr höflich und wir winkten uns noch zu, als ich die Mitte des Flusses und somit die Grenze passiert hatte. Allerdings sind meine Personalien jetzt festgehalten und ich muss mich in der nächsten Zeit vorsehen, nicht erneut auf die rumänische Seite zu gelangen, zumindest nicht mit Absicht. 5 Kilometer vor dem Wehr hörte ich hinter mir einen Motor brummen und bemerkte einen Lastkahn. Ich legte einen Zahn zu und konnte mit ihm in der Schleuse ohne Wartezeit die letzte Staustufe auf der Donau passieren.

 

Bei Kontakten mit den „Offiziellen“ der verschiedenen Nationen half mir der Hinweis: „Ich paddle zur Olympiade nach Athen!“ in der Regel immer weiter und mancher sah dabei über einen kleinen Verstoß meinerseits großzügig hinweg. Kreiert habe ich den Spruch am ersten Tag meiner Reise im Donaudurchbruch bei Weltenburg, als mich Kelheimer Paddler, die mir entgegenkamen, gefragt hatten, wo's denn hingehe. Allerdings erntete ich von diesen nur die geringschätzige, ungläubige Bemerkung: „A' geh', Du Schmarrer, des gla'bts Du do' saiba net und a andara des Dia scho' gar net! Bis owe na' Passau, dad ma Da' ja gla'm, hechst'ns no, dass d' bis Wean kimst', aba nia ned weida!“ Die ungefähre deutsche Übersetzung der bayerischen wörtlichen Rede lautet: „Aber nicht doch, Du Dummschwätzer, das glaubst Du doch selber nicht und eine fremde Person nimmt Dir das ganz bestimmt nicht ab! Die Tour bis nach Passau würden wir Dir ja glauben, Du könntest höchstens noch Wien erreichen, aber paddelst garantiert nicht darüber hinaus!“ Zur Ergänzung: Im Bayerischen ist die doppelte Verneinung „nia ned“ nicht mathematisch zu verstehen, also nicht bejahend (minus mal minus ergibt plus), sondern dient zu Bekräftigung der negativen Aussage in diesem Sinne: bestimmt nicht, absolut nicht, überhaupt nicht, garantiert nicht, gewiss nicht, eben „nia ned“.

 

Dies ist der erste Teil über mein relativ lockeres Zusammentreffen mit der Obrigkeit auf dem Balkan gewesen. Was ich auf der Donau alles in Bulgarien und Rumänien erlebt habe, erzähle ich im nächsten Beitrag.

 

 

 

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