KF-26 - Seekajak-Tour Dalmatien/Kornaten - 10. Tag - 18.08.2015

 

verfasst 2016 - geändert am 05.05 2016


Das dazugehörende Kapitel im Reisebericht: „Zum Donnerwetter mit dem Seekajakherz“ von meiner Paddelpartnerin Suomalee findet Ihr bei den „Outdoorseiten“ im Post #24 mit der Überschrift:
„S(CHW)EIN ODER NICHTS(CHW)EIN“ --->
klicke: “hier“
(Quelle: https://www.outdoorseiten.net/forum/showthread.php/88614-HR-Zum-Donnerwetter-mit-dem-Seekajakherz?p=1432346&viewfull=1#post1432346)



Bild 01: Der Streckenplan vom 18.08.2015, mit „google-earth“ erstellt.


Etmal: 24,6 km - gepaddelte Strecke gesamt: 166,6 km


Wir hatten gut daran getan, auf Tukoscak zu lagern, denn der angepriesene Kiesstrand war zwar für eine Jachtbesatzung zum nachmittäglichen Badegang ideal, aber zu schmal zum Übernachten für zwei Kajaker. Es war interessant zu erkennen, wie unterschiedlich die Einschätzung von Örtlichkeiten waren, wenn man von verschiedenen Voraussetzungen ausging: bei den Einheimischen aus der Sicht eines Badestrandes, bei uns aus der Sicht eines Lagerplatzes mit erhöhtem Sicherheitsanspruch.



Bild 02: Die Morgensonne beim Kaffeetrinken hatte ich richtig genossen, während das Zelt trocknen, Matten und Schlafsäcke noch auslüften konnten.


Das Einbooten machte einige Schwierigkeiten, weil die See an diesem Morgen etwas unruhig war und wir erst die „Hohen Drei“ vorbeilassen mussten, um genügend Zeit zu haben, einzusteigen und aus der Brandungszone zu kommen. Sobald wir aber in unseren Kajaks saßen, uns vom Ufer abgestoßen hatten und uns dann im offenen Wasser befanden, es reichte schon eine gute Bootslänge Abstand vom Felsen, konnten wir uns in aller Ruhe bequem einrichten und die Spritzdecke schließen.


Wir fuhren schon zeitig ab, hinüber zur Insel Krknata, die wir gegen den Uhrzeigersinn umrundeten und dann an der Küste von Dugi Otok wieder südöstlich, vorbei an dem Kiesstrand, der uns empfohlen worden war, weiter nach Sali.


Zwischenstopp in Sali auf der Insel Dugi Otok

Nord: 43 grd, 56 min, 15 sec - Ost: 15 grd, 09 min, 54 sec


Nach dem Einkaufen hatten wir wieder genügend Proviant geladen, um einige Zeit autark leben zu können. Auch Bier in Plastikflaschen mit 2 l Volumen stauten wir erstmals in unsere Luken - nach ganz unten, nicht nur wegen des Schwerpunkts, sondern auch, damit es einigermaßen kühl blieb.


Während Lee die restlichen Lebensmittel in ihren Kajak verpackte, ging ich in die nahegelegene Touristik-Information, um nach dem Wetterbericht zu fragen. Ich bekam freundlicherweise den neuesten Ausdruck für die Tage vom 18. bis 20./21.08.2015. In dem wurde Regen für den 19.08. in der Frühe und am Vormittag angekündigt und starker Wind aus Nord bis Nordost in der Nacht vom 20. auf den 21.08.2015, vermutlich erneut eine Bora.


Zwischenstopp auf der Insel Lavdara

Nord: 43 grd, 56 min, 47 sec - Ost: 15 grd, 11 min, 49 sec


Zu unserer Möwenbucht auf Lavdara zurückgekehrt, versuchten wir zunächst, die Planke, die wir bei unserem ersten Besuch zum Trocken auf die Klippen gelegt hatten, auf eine Länge zu kürzen, damit wir sie in einem der Kajaks verstauen konnten. Nachdem wir sie auf ein vorgegebenes Maß abgesägt hatten, Lee wollte daraus eine Blende für eine Schublade anfertigen, war das Brett immer noch zu sperrig für den Transport. Schweren Herzens gaben wir das Ansinnen auf, es mitzunehmen.

 

Dafür entschädigte ich Lee mit einem Möwenschädel, der so groß war, dass er nicht mehr auf das Transportbrettchen passte, auf dem Hasi und die anderen vier Schnabeltiere bereits montiert waren. So verfrachtete ich den Schädel bei mir in das Gepäcknetz neben eine kleinen Bohle, die ich ebenfalls mitgenommen hatte.


Weiter ging's nach Südosten der Insel Lavdara entlang. Eigentlich hatten wir vor, auf der großen Felsplatte an der Südostecke, die wir beim ersten Vorbeipaddeln entdeckt hatten, unser Lager aufzuschlagen. Aber dieser Platz war bereits mit zahlreichen Badegästen belegt. Weiter Richtung Kap gab es noch eine weitere Steinterasse, bei der ich anlandete und sie inspizierte.


Kleiner Zwischenstopp auf der Insel Lavdara

Nord: 43 grd, 55 min, 20 sec - Ost: 15 grd, 13 min, 33 sec


Es war nur ein kurzer Ausstieg. Lee blieb gleich im Kajak sitzen - scheinbar ahnte sie schon das Ergebnis. Als ich zurückkam und erklärte, dass der Platz nicht so ideal sei, kam von Lee der spontane Vorschlag, weiterzuziehen. Dem folgten wir dann auch, denn es war früher Nachmittag und wir hatten noch genügend Zeit, eine geeignete Stelle zu finden.


Als nächstes Ziel erreichten wir Kurba Mala, eine zusammengewachsenen Doppelinsel. Der Übergang beider Inseln war auf der Südseite viel zu felsig, um anlanden zu können, ebenso auf der Nordseite. Wir paddelten dort nur so weit, bis wir in die Bucht sehen konnten und kehrten dann wieder um.


Wir steuerten an dem kleinen ummauerten Eiland Relin vorbei, hinüber zur Insel Sit. Dort angekommen, entschlossen wir uns dieses Mal für die Leeseite, weil die Erfahrung am ersten Tag gezeigt hatte, dass die Luvseite der Insel Kakan uns keinen Lagerplatz geboten hatte und wir das auch auf Sit übertrugen.


Lee meldete Hunger an und plädierte für einen Nothalt zum Essenfassen. Auch bei mir hatte bereits der Magen vernehmlich zu knurren begonnen.


Kleiner Zwischenstopp auf der Insel Sit

Nord: 43 grd, 55 min, 49 sec - Ost: 15 grd, 17 min, 53 sec


Es war der dankbar ungünstigste Platz, den wir uns ausgesucht hatten. Die Boote nur auf ein paar Schwemmhölzer gelagert, aßen wir im Stehen, weil die Felsen zum Sitzen zu scharfkantig und der Ufersaum mit stacheligem Gestrüpp zugewachsen waren. Frust machte sich langsam breit. Trotzdem mussten wir weiter.


Wir paddelten direkt am Ufer entlang, damit wir jede Möglichkeit, auch die geringste, zum Ausbooten wahrnehmen konnten. Keinen Kilometer weiter zeigte sich ein Felsenband, das seicht ins Wasser führte. Jetzt aber raus - egal wie der Platz zum Übernachten ausschauen wird! Irgendwo werden wir schon unterkommen.


Wir booteten aus, bequemer als gedacht. Der erste, wichtigste Teil wäre also geschafft. Die Kajaks lagen sicher auf der natürlichen Slipanlage. Eine geeignete Stelle für ein Nachtlager war aber nicht in Sicht.


Nun konnten wir eine „Survival-Situation“ simulieren: Wir gingen systematisch vor, entsprechend den Empfehlungen, die bei einem echten „Notstand“ zu beachten wären. Im Abschnitt „Anmerkung und Tipp“ stelle ich einmal meine eigene Prioritätenliste in 6 Punkten vor, wie man sich in solchen Fällen der Reihe nach verhalten sollte.


Gut, die meisten Punkte trafen in unserer Situation wohl nicht zu. Blieben lediglich das „Einschätzen der Situation“ und das „Organisieren der Unterkunft“ übrig. In unserem konkreten Fall hieß das, einen geeigneten Übernachtungsplatz zu finden. Wir beide schwärmten aus ... weiteres ist bei den folgenden Bildbeschreibungen aufgeführt.


Ankunft im Lager auf der Insel Sit, Ostküste

Nord: 43 grd, 55 min, 41 sec - Ost: 15 grd, 18 min, 21 sec



Bild 03: Unser Anlandeplatz auf Sit - Für die Boote war er ideal, aber weniger zum Übernachten geeignet. Wir machten uns auf die Suche, in alle Richtungen. Nach der Rückkehr zu den Kajaks diskutierten wir die Ergebnisse und entschieden uns ...



Bild 04: ... für einen Lagerplatz, etwas abseits von unseren Booten - nicht allzu groß, aber akzeptabel. Nachteil: Unsere Kajaks waren nicht einsehbar und nur auf einem schmalen Steinpfad von knappen 50 Metern zu erreichen, der allerdings auch mit Stolperfallen im Fels gespickt war. Weil Sit nur sehr spärlich bewohnt war und keine Wege zu diesem Ort führten, verwarfen wir die Bedenken, von der Landseite aus Besuch zu bekommen. Die Seeseite war aber von uns gut einsehbar.



Bild 05: Wir richteten uns häuslich ein, soweit es eben ging. Dann checkten wir unserer Situation ab:


Nach den Wetterprognosen aus Sali war für morgen Regen angekündigt worden, der schon in der Frühe beginnen sollte. Wir beratschlagten, wie wir uns bei Regen hier verhalten werden. Wegen der Enge und der scharfkantigen Felsen fielen Zelt und aufgespannte Plane aus. Wir entschlossen uns deshalb, bei den ersten Tropfen uns in die Plane einzuwickeln und so zu versuchen, den Regen abzuwettern. Das garantierte, wenigstens weitgehendst trocken und in den Schlafsäcken ausreichend warm über die Runden zu kommen. Sollte es wirklich zu ungemütlich werden, würden wir in die Boote steigen und losfahren. In unseren Kajaks wären wir mit den Paddeljacken am besten vor Regen geschützt gewesen und genügend warm würde uns durch die Bewegung auch werden. Zu einer direkten Nachtfahrt waren wir aber zu müde und hatten obendrein auch keine Lust dazu. Also blieben wir hier auf Sit.


Entsprechend den Vorgaben aus der Survival-Literatur hatten wir das Optimum aus unserer gegenwärtigen Konstellation herausgeholt. Und wir hatten Wahlmöglichkeiten besprochen, auf die wir gegebenenfalls zurückgreifen konnten. Wenn man etwas nachdenken und rechtzeitig sein Gehirn einschalten würde, wäre eigentlich niemand „alternativlos“, jeder hätte dann neben dem Plan A noch einen Plan B und gegebenenfalls C oder sogar noch mehr. (Smiley: „Lächeln“)



Bild 06: Der Wettergott war am Abend gnädig und bescherte uns noch ein paar Sonnenstrahlen zur verspäteten „Tea-Time“.


Anmerkung und Tipp:


Wir hätten auf der Insel Pasman mehrere Perspektiven gehabt, sicher in einer Bucht an einem Steg unterzukommen. Fünf Optionen (etwa zwei Kilometer von unserem jetzigen Standort entfernt) habe ich im Hafen- und Ankerplatz-Atlas handschriftlich vermerkt gehabt. Hätten wir auf Sit keinen Lagerplatz gefunden, wären auf alle Fälle die Ausweichmöglichkeiten auf Pasman zum Tragen gekommen. Zeit hat uns noch genügend zur Verfügung gestanden, dorthin zu paddeln. Soviel zum Sicherheitsaspekt, zur Risikoabschätzung und Vorausplanung.


Aber wir haben das Abenteuer gesucht, das autarke Leben. Und wir haben uns bewusst darauf eingelassen. Wir haben bei den vorhanden Örtlichkeiten die Optionen erkundet, begutachtet und dann die ausgewählt, die für uns als am besten geeignet erschien.


Im Prinzip haben wir eine extrem vereinfachte Survival-Situation nachgeahmt.


Ich stelle für interessierte Leser einmal meine eigene Notfallkette in 6 Punkten für den Katastrophenfall vor, absteigend der Wichtigkeit:


1 - Ruhe bewahren, Panik vermeiden

2 - Örtliche Sicherheit gewährleisten (militärisch, zivil)

3 - Situation einschätzen (Sechs W-Fragen: wer, wie was, wann, wo, warum)

4 - Verpflegung sicherstellen (Essen, Trinken)

5 - Unterkunft organisieren (Trockenheit, Wärme)

6 - Weiterführende Maßnahmen einleiten (Rettung)


Voraussetzungen, diese 6 Punkte abarbeiten zu können, sind ein breites Allgemeinwissen, ein fundiertes handwerkliches Know-how und der Erfahrungsschatz, den man sich im Laufe der Jahre angeeignet hat. Aus der Summe dieser drei Vorbedingungen kann man bei konsequenter Anwendung, gepaart mit den vorhandenen Begebenheiten, durch Improvisation zu einer optimalen Lösung gelangen.


Ich möchte jetzt einmal ketzerisch behaupten, dass das Fachwissen, das man sich in einem Survivalkurs aneignen würde, in einer umfassenden Allgemeinbildung bereits mehrfach enthalten ist - man muss diese gespeicherten Kenntnisse nur gezielt abrufen und durch Kreativität zu einem neuen Ganzen, zu der Anwendung „Survival“, zusammenfügen. Not macht erfinderisch und je mehr Informationen man in den kleinen grauen Zellen abgespeichert hat, desto ideenreicher wird man vor Ort sein! (Smiley: „Lächeln“)


Natürlich muss sich ein „Survivalist“ sein Präsenzwissen des Outdoor-Lebens aus seinem sich mühsam angeeigneten geistigen Horizont und seiner angelernten Fingerfertigkeit erst einmal neu zusammenstellen, wie zum Beispiel: Unterkunft oder Notunterschlupf bauen, Behelfsgeräte, Werkzeuge und Notkleidung herstellen, Wasser und Verpflegung beschaffen, Feuer machen und Feuerstelle sicher betreiben usw. sowie die bereits bestehenden Kenntnisse permanent erweitern, speziell in den Bereichen: Orientierung, Wetterkunde, Fortbewegung, Notzeichen, Erste Hilfe, Naturkunde usf. und handwerkliches Geschick beherrschen in den Sparten: Kochen, Schneidern, Gartenbau, Holz- und Metallbearbeitung ...


Nach oben sind hier keine Grenzen gesetzt - mein schon oft zitiertes Motto: Was ich im Kopf habe, muss ich nicht im Rucksack schleppen.


Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass die Allgemeinbildung in diesem Land in Schule, Gymnasium, Universität und in der Berufsausbildung auf ein Minimum heruntergefahren worden ist. (Ironie on) Wir sind halt alle zu „Facharbeitern“, „Spezialisten“, neuerdings sogar zu „Experten“ mutiert (Beim Privatfernsehen heißen jetzt die Klatschbasen: „Society-Experten“.) ... mit Scheuklappen und nur im beruflichen Schmalspurbereich kompetent. (Ironie off und entwaffnender Smiley: „Zwinkern“)


Kleine Testfrage zu guter Letzt - Ich kann mich noch gut an eine Textaufgabe aus der Mathematik im Gymnasium erinnern, die einen direkten Bezug zu unserem Outdoor-Leben aufgewiesen hat. Das ist 1961 gewesen, ich damals 13 Jahre alt und in der 3. Gymnasialklasse (heute 7. Jahrgangsstufe). Sie lautet: Du stehst an einem Flussufer. Erkläre, wie man die Breite eines Flusses, nur mit Hilfe eines leeren Blattes Papier, bestimmen kann.

 

 

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