KF-04 - Stürmische Überfahrt nach Spetse am Peloponnes - 2006

 

verfasst 2010 - geändert am 26.11.2010

 

Zum Thema Wellen und Wetterregeln möchte ich eine kleine Geschichte aus meinem Reisetagebuch hier einbringen:

2006 geriet ich einmal in einen Sturm bei der Überfahrt vom Mittelfinger des Peloponnes' zur Insel Spetses. Während dieser Querung wurde mir die Wetterrege lNr. 08 „Regen vor Wind“, (siehe dazu meinen Beitrag KW-01 - "Wetterregeln für den Kajaker"), sehr plastisch vor Augen geführt.

Eigentlich wollte ich nur eine relativ kurze Passage von 22 Kilometern routinemäßig erledigen, für die ich eine gemächliche Fahrzeit von 4 Stunden eingeplant hatte. Seit zwei Tagen war es windstill und heiß gewesen. Obwohl es in der letzten Nacht bis zum Morgen geregnet hatte, war mein Tarp beim Einpacken schon wieder trocken. Die aufgehende Sonne versteckte sich hinter den nach Südosten abziehenden Wolken. Die Sonnenbrille blieb unter Deck weil keine Blendgefahr bestand und es schien an diesem Tag nicht ganz so heiß zu werden wie an den beiden letzten. „Das ideale Paddelwetter“, dachte ich und geriet ins Schwärmen, angesichts der erwarteten, angenehm schnellen Überfahrt über die Bucht.

Gegen 06.00 Uhr setzte ich mich in Bewegung. Nachdem ich die klein Bucht verlassen hatte, richtete ich den Kajak auf den Kompasskurs ein und peilte über die Bootsspitze nach Nordosten die Insel Spetses an und prägte mir die Silhouette der schon sicht baren Bergkämme ein, zu denen ich paddeln musste, um in eine bestimmte Bucht zu gelangen. Diese hatte ich am Tag zuvor auf der Karte ausgesucht und mir den Kompasskurs eingeprägt. In diesem Jahr war die Kompassabweichung in diesem Seegebiet sehr gering (rund 1 Grad Ost), so dass ich sie vernachlässigen konnte. Zur Zeit ein nicht unwichtiger Vorteil im Mittelmeer, was die Arbeit mit Karte und Kompass wesentlich erleichtert.

Nach rund eineinhalb Stunden,ich hatte noch nicht ganz die Hälfte meines Etmals geschafft, begann der Wind aus Nordwest leicht zu säuseln. Voller Eifer, weil ich auf ruhigem Wasser gut vorwärts kam, „schaufelte“ ich darauf los, bemerkte aber nicht, dass der Wind allmählich auffrischte. Nach einer halben Stunde etwa blies er bereits kräftig. Wellen hatten sich aufgebaut und kamen mir schräg von vorne links, sorry: von Backbord, entgegen. Innerhalb kurzer Zeit erreichten die Wellen dann satte 6 Beaufort und begannen zu brechen. Vielleicht lagen sie sogar noch um eine Stufe darüber, weil sich aus den Schaumflecken auf den Wellenrücken bereits Streifen in Windrichtung bildeten.

Jetzt erinnerte ich mich mit Erschrecken an die Wetterregel: „Kommt der Regen vor dem Wind - zurr' alles fest geschwind.“

Was jetzt tun? „Keine Panik, Ruhe bewahren!“, redete ich mir ein. Ich steuerte den Kajak in die sicherste Position, senkrecht zu den Wellen und schaute mich um, checkte die Lage: Ich war ungefähr in der Mitte des Argolikos Gulfs, der Fetch des Windes, der die Wellen antrieb, betrug rund 50 km. Das war die Tiefe des Golfes aus dem Wind und Wellen kamen und mich in etwa 45 Grad von Backbord trafen. Außerdem stellte ich per Kompasspeilung fest, dass ich langsam nach Süden abgetrieben wurde, das heißt, ich musste um mindestens 15 Grad nördlicher paddeln, wenn ich nicht weiter von meinem Ziel abkommen wollte. Das glich schon fast einer „Seilfähren-Querung“ auf einem Fluss. Allerdings hätte der dann eine Breite von rund 10 km haben müssen.

Als ein Brecher vor mir die ersten Liter Wasser in den Kajak spülte, ich hatte meine Spritzdecke zwar an und um den Süllrand festgezurrt, aber den Kamin wegen der besseren Bewegungsfreiheit oben offen gelassen, entschied ich mich spontan für die Weiterfahrt. Während einer „Niedrigwellen-Phase“ holte ich die Schwimmweste aus der Kajakluke, was eine gehässige Welle mit einer Tüte voll Wasser lohnte. Bis zu dem Zeitpunkt der Fixierung meiner Schwimmweste hatte ich Glück, dass die „Hohen Drei“, das sind die drei höchsten Wellen eines Wellenpakets, alle vor mir brachen und ich dabei nicht überspült wurde.

Nachdem ich für eine „Sturmfahrt“ voll gerüstet war, setzte ich meine Tagestour fort. Die Gründe für eine Weiterfahrt waren folgende: Von der Strecke her war es ungefähr die selbe Entfernung zum Ufer, gleichgültig ob ich zurück oder vorwärts fahren würde. Wenn ich in Richtung meines Ziels paddelte und 15 Grad nördlicher steuerte, um die Abdrift auszugleichen, wäre der Winkel zur Wellenfront kleinere als beim Zurückpaddeln. Dann würde ich auch mit den „HohenDrei“ leichter zurecht kommen. Weil der Fetch vom Buchtende bis zu meiner Position relativ kurz war, rechnete ich mit keinen noch höheren Wellen. Ich konnte zwar im Wellental nicht mehr über den Kamm sehen, aber die Wellen ließen sich noch einigermaßen gut bewältigen.

Also fuhr ich los, ging die Wellen schräg in einem Winkel von rund 60 Grad an. Nur die „Hohen Drei“ nahm ich senkrecht von vorne mit 90 Grad. Ich passte auf, dass ich rechtzeitig den  Kajaksteven auf die großen Wellen drehte. Mit der Fußsteuerung ging das ausgezeichnet. Danach schwenkte ich wieder auf mein Ziel, um schneller voranzukommen. Mit diesen „Pendelbewegungen“ arbeitet ich mich langsam auf die Insel Spetses zu.

Die Kompasspeilung zeigte mir, dass die Abdrift gestoppt werden konnte und ich bemerkte auch an der Silhouetten-Verschiebung der Berge querab, dass ich mich meinem Ziel stetig näherte. Allmählich kam sogar Freude auf und es machte jetzt direkt Spaß, bei 6 Beaufort „plus“ zu paddeln. Mit den Brechern hatte ich großes Glück. Nur ungefähr viermal traf mich einer direkt und überschüttete mich einmal mehr, ein malweniger mit Wasser. Bereits nach kurzer Zeit der Eingewöhnung hatte ich fahrtechnisch den Sturm im Griff.

Es war um die Mittagzeit als ich in der vorgesehen Bucht ankam, vielleicht um 300 Meter nach Süden versetzt. Mit „nur“ rund zwei Stunde Verspätung war ich direkt stolz, den Sturm so gut gemeistert zu haben. In der Bucht bootete ich aus und wischte mit dem Schwamm das Wasser aus dem Kajak. Die Lenzpumpe kam nicht ein einziges Mal zum Einsatz.

Als ich auf das Meer schaute, hatte sich der Sturm bereits wieder gelegt und die Sonne erwies mir ihre Referenz. War es Poseidon, Äolus oder der Klabautermann oder alle miteinander, die mir da einen bösen Streich gespielt hatten? Ich werde deren Grund wohl nie erfahren. Vielleicht wollten die Götter des Meeres und des Windes mir nur eine Lektion in Wetterkunde erteilen. Es hat sich nämlich wieder einmal bestätigt, dass die Wetterregeln der alten Schiffer schon ihre Daseinsberechtigung haben und nicht in den Bereich der Sagen und Märchen gehören.

Wie lautet die Regel Nr. 08 für uns Paddler gleich wieder:
„Kommt der Regen vor dem Wind,
zieh das Boot an Land geschwind.“

Wenn man an der Küste entlang paddelt, dürfte das kein großes Problem sein, noch rechtzeitig anzulanden, vorausgesetzt, man beachtet die Vorzeichen mit dem beginnenden Wind, der schnell auffrischt. In der Mitte einer Bucht, über 10 km von den sicheren Ufern entfernt, bleibt einem nur das Einzige übrig, das Beste aus der Situation zu machen und den Sturm abzuwettern. Gut, wenn dabei die Sturm-Ausrüstung griffbereit verstaut ist.

PS: Mit meinen kleinen Reiseberichten will ich auch aufzeigen, wie ich in bestimmten Situationen handle und zurechtkomme. Vielleicht könnt Ihr für Eure Seekajak-Touren davon etwas gebrauchen.

 

 

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