KT-15 - Von Besserwissern und Selbstdarstellern

 

verfasst 2012 - geändert am 30.10.2012

 

Einem Forumsmitglied der Outdoorseiten gefiel meine etwas polemische Darstellung der „Sonntagspaddler“ in meinem Beitrag BP-08 - „Rucksack - ultraleicht (150 g)“, den ich im nächsten Absatz noch einmal zitiere:

 

Zitat:

In einem Kajak ist zwar das Gewicht von untergeordneter Bedeutung, dafür spielt das Volumen eine um so größere Rolle, wenn man sich nicht noch einen Packsack oben auf das Deck schnallen möchte. Das sieht zwar sehr expeditionsmäßig aus, suggeriert dem staunenden Publikum einen „Long-distance Trip“ und gehört bestimmt zu den imagewirksamen Accessoires einer Sonntagnachmittagspaddeltour an der Hafenpromende entlang, hat aber mit Seekajaking eigentlich wenig zu tun. (Smiley:„zwinkern“)

 

Ihm schrieb ich folgende Zeilen:

 

... freut mich, wenn Dich mein kleiner Seitenhieb auf die „Blender“ und „Kaffeefahrer“ angesprochen hat. Allerdings hat mein Hinweis auf diese Selbstdarsteller einen wahren Hintergrund, den ich schon des Öfteren erlebt habe und einer Realsatire ähnelt.

 

Das betrifft die „Extrem-Radsportler“, die mit dem Auto bis zum Parkplatz beim „Aumeister“ anreisen und bereits in den allerneuesten, knalligen Outfits der jeweils aktuellen „Tour de France“ eingekleidet sind. Der „Aumeister“ ist ein sehr bekanntes Ausflugs-Wirtshaus am Nordende des Englischen Gartens in München. Theatralisch hieven sie ihre ultramodernen High-Tech-Karbon-Bikes vom Autodach und schaffen dann die Start-Etappe von insgesamt 300 m (Hier fehlen keine Nullen!) gerade noch bis zum Biergarten - zum ersten „Technical Stop“.

 

Dort werden die Räder nicht, wie es das gewöhnliche Radl-Volk tut, in den Fahrradständern abgestellt. Nein, so ein sündhaft teures Karbonvehikel mit maximal 7 kg darf man nicht allein lassen! Da muss mit einem absoluten Schwund desselben gerechnet werden. Man nimmt es deshalb vorsorglich mit an den Biertisch, stellte es unauffällig so hin, dass der Besitzer es in seinem Blickfeld hat und auch wirklich jeder andere erkennen kann, zu wem das Superbike gehört. Ist dann die Clique mit 4 bis 6 Rennradl-Enthusiasten vollzählig versammelt, beginnen die Fachdiskussionen und die Bierbänke sich durchzubiegen - von der Last der mit durchtrainierten ausgeprägten Biermuskeln  vollbepackten Sportlern, die durch die körperbetonten Trikots um den Nabelbereich voll zur Geltung kommen. Bei einer Mass Bockbier, Wiesenbrezen, einem stark gesalzenen Radi und fein geschnittenem, aber nur leicht gesalzenem, mit einer Priese schwarzen Pfeffers überstäubtem Emmentaler Käse tauscht man lautstark die aktuellen Informationen aus: über das nun anstehende Fitnessprogramm zur zwingend erforderlichen Umwandlung von Fett- in Muskelmasse und über die technischen Neuerungen, die sich ein jeder seit dem letzten Meeting hier beim „Aumeister“ in seine Kabonschaukeln hat einbauen lassen - mit einer Phonzahl, dass auch die Besucher an den nächsten Tischen sofort mitbekommen, um welche High-Tech-Spezialisten und UL-Fachleute es sich da handelt. „UL“ bezieht sich dabei allerdings nur auf die technische Ausrüstung! Die einzelnen Staturen der Radsportgruppe tendieren ausschließlich in die Richtung „UH“.

 

Zum Glück können meine Beobachtungen keinesfalls auf die Leser der Outdoorseiten zutreffen, denn wir Outdoor-Freaks bewegen uns ja eher unauffällig durch die Natur! So kann ich mir die Sicherheitssmileys sparen. (Smiley: „lächeln“)

Ein weiteres Forumsmitglied der Outdoorseiten hielt meinen Beitrag für angemessen und stimmte ihm zu. Er erwähnte dabei auch die Individualität der Entscheidung jedes Einzelnen, was er sich an Equipment zulegt.

 

Ihm ließ ich folgende Worte zukommen:

 

Deine Meinung zu den selbst ernannten Supersportlern kann ich sehr gut nachvollziehen! „Es ist nicht wichtig was man hat, sondern was man damit macht!“, das ist eigentlich meine uralte Devise. Ich habe sie hier schon des Öfteren erwähnt. So wie Du, bin ich lange mit einem alten Tourenrad zu meiner Arbeitsstelle gefahren. Das ist noch ein „3-S-Radl“ (schwarz, schwer, stabil) mit einer herkömmlichen 3-Gang-Nabenschaltung gewesen. Heute heißen die Dinger „Hollandrad“.

 

Mit diesem Ungetüm bin ich Jahre lang regelmäßig zur Arbeit unterwegs gewesen, bis ein Rahmenbruch unsere „Zusammenarbeit“ beendet hat und ich dann zunächst auf ein etwas moderneres Stahlrennrad mit 21-Gang-Kettenschaltung und später wieder auf ein „Citybike“ mit 7-Gang-Nabenschaltung umgestiegen bin. In der Stadt finde ich eine Nabenschaltung wesentlich bequemer zu handhaben, als eine empfindliche Kettenschaltung.

 

Rund 17 Jahre lang von 1980 bis 1997 bin ich damals an rund 200 Tagen im Jahr (Sommer wie Winter) eine Strecke von 12 km in die Arbeit und wieder nach Hause geradelt, insgesamt 24 km jeden Tag, davon die Hälfte durch den schönen Englischen Garten in München. Das ergibt eine Gesamtfahrleistung von über 80.000 km. Dabei habe ich nach der chinesischen Methode, die grundsätzlich versucht, mit einer Tätigkeit mindestens einen zweiten Vorteil zu erhalten, gehandelt: die tägliche kostenlose Fahrt zur Arbeit, ein permanentes Ausdauertraining und einen gewaltigen Zeitvorteil gegenüber U-Bahn und Auto. Ich habe es damals eigentlich nicht mehr nötig gehabt, am Abend noch ein Fitnessstudio aufzusuchen oder zusätzliche „Radlrunden“ zu drehen, um so meine kostbare Freizeit zu vergeuden.

 

Ja, auch ich habe in mich hineingelächelt, wenn ich die schrägen, abfälligen Blicke der Möchtegern-Radl-Athleten beim „Aumeister“ gesehen habe, insbesondere dann, wenn ich sie unterwegs im Englischen Garten, also „on tour“ von einem Biergarten zum nächsten, getroffen und beobachtet habe, wie sich „UH“ auf „UL“abgemüht haben.

 

Die Profilierungssucht und das Imponiergehabe mancher Selbstdarsteller ist in allen Disziplinen des Lebens gegenwärtig, nicht nur im Sport allein. Aber in diesem Bereich fällt es am markantesten auf, wenn man Outfit, Ausrüstung mit der realen Leistung der Benutzer vergleicht. Vermutlich will man damit neben der Sportlichkeit auch noch die persönliche körperliche Leistungsfähigkeit und Gesundheit demonstrieren, sozusagen einen echten Kerl. Ebenso wie Du von Dir schreibst, habe auch ich kein Problem wenn wirkliche Freizeit- oder Leistungssportler und echte Outdoorler auch entsprechendes Top-Material verwenden. In meinem Bekanntenkreis befindet sich so ein „Karbon-Radler“. Er fährt zwar nicht eines der Extrem-Bikes der obersten Preisklasse wie die „Aumeister-Crew“, aber in der gehobenen Mittelklasse liegt sein Radl schon. Dieser reinrassige Sportler wird wahrlich seinem Equipment gerecht, denn er ist um die Jahrtausendwende 4facher Deutscher Meister im Ultratriathlon (Ironman) gewesen.

 

Aber nur die „latest news“ der Ausrüstung zur Schau zu stellen, ohne etwas Zweckgebundenes damit anzufangen, ist in meinen Augen nichts weiter als Angeberei und reines Balzverhalten. Allerdings sehen das die scheinbar Betroffenen ganz anders. (Weil es meine persönliche, etwas übertriebene Meinung ist, setzte ich jetzt einen Sicherheitssmiley: „zwinkern“!)

 

Ich gebe diesen „Ausrüstungsfetischisten“, das sind für mein Dafürhalten diejenigen Sammler, die das neueste Teil zwar besitzen, es aber kaum oder zu einem anderen Zweck nutzen, in dem einen Punkt absolut recht, wenn sie damit argumentieren, dass jeder nach seiner Fasson leben darf. Jeder kann das kaufen und auch benutzen, was er will. Keiner macht einem Vorschriften! Jeder „Outdoorler“ soll mit der Ausrüstung herumlaufen, die er als richtig empfindet, und das tun, was ihm gefällt - solange er nicht gegen Gesetzte verstößt. Ich mach das für meinen Teil ebenso! Man muss dann aber auch einsehen, dass sich hier irgendwo die Spreu vom Weizen trennt und sich die reinen Outdoor-Freaks von den Besserwissern und Couch-Survivalern mit alleiniger Internet- und Fernseh-Erfahrung und von den imageheischenden Mitläufern scheiden.

 

Eine breit angelegte Diskussion über das Für und Wider von Ausrüstung und über das Verhalten in der Natur wird zu keinem Ende führen, dazu sind die Menschen viel zu verschieden! Man kann eigentlich nur Empfehlungen geben und beschreiben, wie man es selber macht. Entscheiden muss für sich selbst jeder Einzelne!

 

Noch einmal möchte ich auf meinen Slogan zurückkommen: „Es ist nicht wichtig was man hat, sondern was man damit macht!“ Natürlich kann ich mit einer teure Vollformat DSLR-Kamera auch meine simplen Erinnerungsphotos schießen und andere Akteure mit einer normalen Kompaktkamera hochwertige, künstlerische Aufnahmen erarbeiten. (Für die Bildkomposition ist halt mehr der Geist gefragt als das Material!) Natürlich können Sonntagsausflügler mit einem schnittigen Edel-Karbon-Seekajak die Seepromenaden abklappern, während ich mit einem ordinären PE-Kahn die Küste von Triest bis nach Patras in einer einzigen Reise hinunterpaddle. Natürlich können Biker-Fans mit einem großvolumigen, PS-starken Motorrad locker 8.000 km herunterreißen, während ich in der gleichen Zeit mit meinem Moped-Chopper mit 125 Kubik und 15 PS über 6-mal so weit gefahren bin. Da haben sich Hubraum und Leistung zur zurückgelegten Strecke oft umgekehrt proportional verhalten!

 

 

Bild 01: Auf der Fähre von Helsingborg nach Helsingør erlebte ich 1998 die oben beschriebene Situation: Wochenendreisende mit ihren heißen Öfen und ich mit meinem Moped mit gebührendem Abstand weiter hinten bei den Fahrrädern. - Als ich auf ihre technischen Fragen zu meinem Gefährt wahrheitsgetreu geantwortet hatte, wandten sie sich verächtlich mit den entsprechenden zynischen Bemerkungen ab. Nachdem ich dann aber die Tachos verglichen und das Superbike mit der größten Gesamtstrecke (Der Besitzer bestätigte mir, dass es 2 Jahre alt sei.) nur 8.000 km angezeigt hatte (alle anderen bewegten sich so zwischen 2.000 und 5.000 km, während auf meinem Tacho bereits 53.000 km abzulesen waren, innerhalb von knapp eineinhalb Jahren zurückgelegt, konnte ich mir ein Grinsen nicht mehr verkneifen. Mir war eben wieder bestätigt worden, dass mein oben erwähnter Slogan sich durchaus wieder einmal bewahrheitet hatte.

 

So haben Du und ich, auf ganz unterschiedliche Weise, ähnliche Erfahrungen gemacht.

 Ein drittes Forumsmitglied antwortete ebenfalls auf meine etwas polemischen Darstellungen bestimmter Auswüchse in der heutigen Gesellschaft. Er bezog sich aber wieder auf das Seekajaking und auf die auch in diesem Bereich herrschenden schlechten Angewohnheiten.

 

Ihm antwortete ich folgendermaßen:

 

... schön, dass Du uns wieder von unserem Ausflug in die Zweiradwelt zu den „Wasserrührern“ zurückgeführt hast. Ähnliche Auswirkungen der charakterlichen und soziologischen Extrempositionen sind aber beim Menschen in allen Lebensbereichen und Gesellschaftsschichten zu erkennen. Um diese meist negativen Ausschläge aufzuzeigen, können in allen Gruppen, in denen Menschen zusammenleben, entsprechende Beispiele gefunden werden, so auch bei jeder Sportart und in den verschiedenen Outdoorbereichen.

 

Zu Deinem Beitrag ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen, alles ist gesagt worden. Ich stimme Dir zu, dass man sich an einen Kajak erst gewöhnen muss, bevor man ein persönliches Urteil über ihn abgeben kann. Erst wenn man die „Macken“ seines Bootes kennt, weiß man, ob man mit dem Boot zurechtkommt.

 

Früher, als die Auswahl noch nicht so groß war wie heute, musste man sich zwangsweise auf das neu erstandene Paddelboot einstellen. Der Körper hatte sich an das Boot anzupassen! Sofern der Benutzer die handwerklichen Voraussetzungen gehabt hatte, war es möglich, die Einbauten soweit abzuändern, dass sich das Boot angenehmer fahren ließ. Das war meist im Bereich der Sitzposition und der Fußplatzierung erforderlich.

 

Bei meinem bereits über 10 Jahre alten Kodiak habe ich nicht wie soviele andere Kajakspezialisten nur an der Pedalanordnung der Fußsteuerung herumgenörgelt, sondern mir Gedanken gemacht, wie ich das Problem in meinem Fall auf die einfachste und billigste Weise lösen kann: Im Fersenbereich klemme ich wasserfeste Schaummatten auf den Boden und zwischen die beiden Ersatzpaddelhälften, die ich an der Bordwand untergebracht habe. Dadurch halten die Reservepaddel unverrutschbar im Boot und meine Füße haben jetzt die richtige Höhe zu den Pedalen. Damit die Fersen nicht zur Mitte abrutschen und ich von den Pedalen gleite, lege ich vor die Lenzpumpentrittplatte ein oder zwei 1,5-Liter-Wasserflaschen, sodass ich meine Fersen daran abstützen kann. Mit dieser äußerst einfachen Methode, eine technische Veränderung des Kajaks ist dabei überhaupt nicht notwendig gewesen, sind jetzt meine Füße in der richtigen Position zu den Steuerpedalen und ich kann auch längere Strecken in einem Zug durchpaddeln, ohne dass die Beine ermüden, einschlafen oder zu schmerzen beginnen. Die Schaumstoffmatten verwende ich im Lager (dritte Verwendung!) als Sitzkissen und die Wasserflaschen sind in der Sitzluke aufgeräumt und rollen bei Wellenbewegungen nicht ständig hin und her.

 

Heute kann sich der Paddler aus einer riesigen Auswahl seinen Kajak aussuchen, den er für seinen Anwendungszweck als gut empfindet. Allerdings habe ich z.B. für das Seekajaking noch kein „Allroundboot“ z.B. für Küstentouren entdeckt, das von allen Paddel-Freaks als das ideale Sportgerät gepriesen wird. Natürlich gehen auch die wenigsten Seekajaker auf Langfahrten wie ich (in der Regel über 1.000 km). Für mich relevante Aussagen können deshalb kaum gemacht werden. Die Anwendungen und Wünsche sind viel zu unterschiedlich und es werden auch immer neue Kajaksportarten kreiert, die ihre Anhänger finden und dazu dann die entsprechenden „Spezial-Boote“ entwickelt werden.

 

Wie Du schreibst, kann man in der heutigen Zeit keine allgemein gültige Bewertung abgeben, sondern immer nur seine subjektive Meinung in den Foren vorstellen. Es ist auch völlig richtig, dass die Passform, ich sehe darin auch die Auswahl nach der Verwendung, in erster Linie kaufentscheidend sein soll, so wie es von den zumindest erfahrenen Paddlern gehandhabt wird. Meines Erachtens verzetteln sich viel zuviel der angeblichen „Spezialisten“ in Material- und Detail-Fragen, möchten nur eine ganz bestimmte Eigenschaft (Schnelligkeit, Wendigkeit, Rollvermögen usw.) herausgezüchtet sehen und betrachten die Gesamtkomposition des Kajaks nicht, die es für den einzelnen erst zu einem guten Boot macht. Sie hinterfragen einfach nicht, für welchen konkreten Zweck sie den Kajak überhaupt benötigen.

 

Einen weiteren äußerst wichtigen Punkt hast Du angesprochen: Die Entwicklung eines dem Boot angepassten Fahrstils. Das ist auch in meinen Augen das Hauptproblem der heutigen Zeit. Wie ich bereits oben beschrieben habe, ist es früher erforderlich gewesen, sich an den Kajak anzupassen. Das beinhaltet auch das Wissen, wie der Kajak in den verschiedenen Situationen im Wasser, bei Wind, Wellen und Strömungen reagiert. Das Verhalten des Kajaks kann nur aus der Erfahrung heraus erkannt und mit den Kenntnissen und dem Können des Paddlers selbst beeinflusst werden. Das gilt auch heute noch genauso! Weiß er, wie sein Boot anspricht, ist es kein Problem, sich bereits präventiv auf bestimmte Situationen einzustellen. Deshalb halte ich oft Testberichte von Kajakern, die ein Boot nur kurze Zeit fahren für nicht sehr zuverlässig, insbesondere was die Fahreigenschaften angehen, weil sie eben durch die gefärbten Brillen der einzelnenTester gesehen werden.

 

In meinem Fall zum Beispiel habe ich mich an meinen alten Kodiak so gewöhnt, dass ich ihn absolut nicht wechseln würde, nur um ein neues, besseres Modell zu besitzen. Da halte ich locker die sinnfreien Anfeindungen und spitze Bemerkungen, wie z.B., der Kodiak sei für das Meer nicht geeignet, aus der Ecke der ewigen Nörgler und Besserwisser aus, weil ich weiß, was ich mit diesem Boot auf dem Meer bereits geleistet habe. Sachbezogene Kritik und Vorschläge nehmen ich aber gerne an und versuche sie auch für mich zu verwirklichen.

 

Erst wenn mein alter Kajak wegen Mängel/Bruch/Reparatur ausrangiert wird, würde ich mir überlegen, einen moderneren Seekajak, so wie er heute auf dem Markt ist, eventuell sogar ein waschechtes „Meerboot“ (wenn sich das Ladevolumen nur geringfügig verringert), aber eben nur aus HTP, zu erwerben. Für Langtouren sind für mich persönlich hohe Zuladung und extreme Robustheit die entscheidenden Kaufkriterien.

 

Ein zusätzlicher Gepäcksack auf das Deck geschnallt, beeinflusst das Fahrverhalten eines schnittigen Seekajaks wesentlich mehr und sicherlich nicht im positiven Sinne, als die selbe Gepäckmenge in meinem „Containerschiff“. Die zur Jagd mitgeführten federleichten Schwimmblasen der Eskimos sind mit einem schweren Gepäcksack der selben Größe der heutigen modernen Nachahmer überhaupt nicht zu vergleichen! Mit diesen Schwimmblasen haben die Inuits ihre Jagdbeute über Wasser gehalten, damit sie sie bis zur Küste abschleppen haben können. Der Transport einer Robbe zum Beispiel ist auf dem Jagdboot völlig unmöglich gewesen! Wenn andere Paddler dazu eine andere Meinung haben, soll es mir recht sein. Nur lasse ich mir diese einseitigen Aussagen, die meist nur billige Allgemeinplätze wiedergeben, nicht aufdrängen.

 

Ich erkennen aber unumwunden an, wenn ein anderer Paddler sich für ein teures, reinrassiges, schnelles, ultraleichtes Seekajak entscheidet und es auch wirklich seinem Zweck entsprechend benutzt.

 

PS: Natürlich verwende ich meine Grundsätze nicht nur für den Kajak allein, sondern benutze sie auch bei allen anderen Ausrüstungsgegenständen in „meinem“ Outdoorbereich. Trotzdem bin ich für Ideen, Vorschläge Meinungen aufgeschlossen. Nur ich hinterfrage sie kritisch, ob sie für mich selbst etwas Positives bringen. Genau diese skeptische Denkweise empfehle ich immer wieder, insbesondere auch bei meinen Tipps! (Smiley: „grins“)

Ein Forumsmitglied der Outdoorseiten meldete auch Kritik an: Am Beispiel des Paddels zeigte er, dass die moderne Entwicklung doch zu einer besseren Ausrüstung führen kann und die wirklich guten Paddler sie auch benutzen. Er bestätigt zwar, dass man sich an ein Boot gewöhnen und dann die Macken auch fahrtechnisch ausgleichen kann. Wer aber eine große Zahl von verschiedenen Booten gefahren ist, kann nach bereits kurzer Fahrzeit einen neuen Kajak richtig einschätzen und das Verhalten beurteilen.

 

Ihm übermittelte ich nachstehende Entgegnung:

 

... vielleicht haben wir uns hier ein wenig missverstanden. Natürlich kann jeder kaufen und nutzen was er gerne möchte, jeder nach seinem Gusto und Geldbeutel! Insbesondere dann, wenn man sich langsam zu einem Könner aufschwingt und bereits fundierte Erfahrungen gesammelt hat, trachtet ja ein jeder danach, seine Ausrüstung zu optimieren. Das mache ich ebenso! Auch ich benutze ein Karbonpaddel mit nur 850 Gramm (gegenüber einem Normalpaddel mit rund 1250 g), aber mit einer Länge von 240 Zentimetern, weil meine Kraft auch noch mit „Ü60“ spielend ausreicht, ein Paddel mit dieser Länge bestmöglich zu führen. Zwischen 1.500 und 2.000 km, mein Reisedurchschnitt auf Langfahrten liegt bei etwas über 1.600 km, habe ich dann mindestens 1 Million mal die Blätter durch das Wasser gezogen. Jedes Gramm des Paddels entspricht dabei in der Summe eine Tonne, die da bewegt worden ist. Bei einer Gewichtseinsparung von 400 g sind das dann 400 t, die ich auf jeder meiner Seekajak-Touren nicht zusätzlich bewältigen muss. Nach dieser kleinen Rechnung weiß man den Wert eines leichten Paddels zu schätzen - Du genauso wie ich!

 

Ich erkennen aber unumwunden an, wenn ein anderer Paddler sich für ein teures, reinrassiges, schnelles, ultraleichtes Seekajak entscheidet und es auch wirklich seinem Zweck entsprechend benutzt“, habe ich im letzten Beitrag geschrieben. Damit sind die Spezialisten unter den Kajakern gemeint, so wie Du es in gleicher Weise angeführt hast. Wenn ich paddeln will und ich immer den selben Rundkurs fahre, ist ein teures, leichtes, schnelles Boot sicherlich eine Zeitersparnis. In diesem Fall gebe ich Dir recht, wenn Du begründest, dass man in einem schnellen Kajak mit Geld „Zeit“ kaufen kann. Im Umkehrschluss mindert ein schnelles, leichtlaufendes Boot aber logischerweise den Trainingseffekt - bei gleichbleibender Strecke.

 

Wenn ich zum Beispiel eine Stunde Zeit habe und paddeln will, interessiert mich ein temporärer Vorteil überhaupt nicht. Hier lässt es sich höchstens damit argumentieren, in dieser Stunde eine größere Distanz zurücklegen zu können. Wenn es beim Paddeln um Fitness in einer Trainingseinheit von einer Stunde geht, um beim Beispiel zu bleiben, spielt es in meinen Augen keine Rolle, ob ich eine längere Strecke mit einem schnelleren Boot zurücklege oder eine kürzere mit einem langsameren - solange die körperliche Leistung gleich bleibt.

 

Für den von vielen Wohlstandsgenährten gewünschten Umbau von Fett- in Muskelmasse, auch ich gehöre dazu, ist es meiner Meinung nach völlig unerheblich, ob ich dabei ein schnelles oder langsames Boot (gilt auch für das Fahrrad) benutze, bei konstanter körperlicher Leistung vorausgesetzt. Bei einem gleichweiten Kurs gerate ich mit einem schnellen, leichten Kajak/Fahrrad bei der Speckvernichtung sogar ins Hintertreffen, wie oben beschrieben. Darum amüsiere ich mich immer wieder, wenn ich sehe, welche High-Tech-Geräte von diesen schwergewichtigen Sportlern verwendet und welche Erfolge nach einer Saison bei der Fettverbrennung im Endeffekt erzielt werden. Ob unter dem Gesichtspunkt einer ersehnten Wandlung von einem Pykniker zu einem Athleten, praktisch eine Umkehrung von Ober- und Taillenweite, ein schneller Kajak mehr Freude bereitet als ein behäbiger Kahn, will ich einmal dahingestellt lassen. Sollte ich mit meiner Darstellung falsch liegen, bitte korrigiere mich.

 

Ich belächle nicht die wahren Koryphäen, wenn die sich bei ihrem Material permanent verbessern, sondern eigentlich mehr die Neulinge, die gleich mit einer teuren Topausrüstung einsteigen wollen (Tenor der einschlägigen Forumsfragen dazu: Was ist der beste Seekajak, das beste Paddel, das beste Zelt, das beste Kochset, die beste Liegematte, der beste Schlafsack usw.?), obwohl sie noch nicht einmal wissen, ob ihnen diese neue Sportart eigentlich zusagt und ob sie sie überhaupt leistungsmäßig ausüben können. Man könnte sie auch als zahlende „Trendsport-Tester“ bezeichnen, die alles Neue sofort ausprobieren - nur um dabei, also „up to date“ zu sein ... und so die Konjunktur zum Geldverdienen ankurbeln, der eigentliche Sinn und Zweck und Hintergedanke der gesamten Outdoor-Industrie mit ihrem Martketing. Den anfänglichen Idealismus im Outdoorbereich hat der Kommerz schon längst überholt!

 

Leider gehören diese allzu innovativen Leute oft zu denjenigen, die sich mit ihrem angelesenen, gegoogelten, videogeschulten, werbungshörigen Wissen aber ohne der geringsten praktischen Erfahrung bereits als Experten ausweisen. Eine ironische Kostprobe eines dieser selbsternannten Fachkundigen aus meinem Gedächtnis: Mein Survival-Messer eines berühmten Bushcrafters habe ich rasiermesserscharf geschliffen. Damit batone ich, wie er auch, mein Brennholz für das Lagerfeuer! - Beyonds Vers d'rauf: Sicherlich geht das: zum Beispiel mit Balsaholz von 40 kg/m³ ... Nun aber die Frage an Radio Eriwan: „Ist es möglich, mit dieser rasiermesserscharf geschliffenen Schneide auch astreiches Buchen/Eichenholz zu spalten?“ Antwort von Radio Eriwan: „Im Prinzip ja, aber man sollte sich mit rasiermesserscharfer Schneide bereits vorher rasiert haben, nach Batoning kann man auch mit neu gestalteter „Notched-Klinge“ einen Versuch wagen, Bart abzuschaben, besser aber beim Partner - ist dito als Tactical Knife, Fighting Knife und Special Equipment for Assassination durchaus verwendbar.“(Jetzt mach' ich lieber einen Sicherheitssmiley: „entwaffnendes“ Lächeln!)

 

Dass ein Paddler, der viele Boote gefahren hat, langsam zu einem Kajak-Experten mutiert, ist vollkommen richtig. Natürlich kann er dann die Fahreigenschaften der unterschiedlichen Boote auf einer kurzen Probefahrt grob einschätzen. Allerdings wird er dabei keine Langtouren-Tests unternehmen und alle Boote auch nicht bei extremen Wetterverhältnissen gefahren haben, von echten Sturmfahrten und „Abwettern“ auf See einmal ganz zu schweigen. Für den Allgemeingebrauch reichen diese Kurz-Tests allemal aus. Sie decken aber nicht die breite Palette der Einsatzoptionen eines Seekajaks ab.

 

Diese sehr undifferenziert gehaltenen Bewertungen können nicht auf Langfahrten transformiert werden, so wie ich sie durchführe. Die Fahreigenschaften ändern sich schlagartig bei voller Beladung, insbesondere dann, wenn man zum voll gepackten ranken Seekajak noch einen zusätzlichen Gepäcksack auf das Deck schnallen muss, um eine Urlaubspaddeltour von mehreren hundert Kilometern als „Küstentörn“ oder „Inselsprung“ bei jedem Wetter absolvieren zu können. Ein Sturm kann einen Seekajaker trotz bester Wettermeldungen auf offener See völlig unerwartet treffen. Ich kenne darüber kaum einschlägige Tests von diesen „Vielbootfahren“. Wenn ich zu „meinem“ Seekajaking entsprechende Informationen erhalten will, muss ich schon auf Expeditionsbeschreibungen ausweichen und dort zwischen den Zeilen das herauslesen, was für mich als wichtig erscheint. Diese Daten sind aber äußerst dünn gesät!

 

Was für den Einzelnen das bessere und/oder wichtigere Equipment darstellt und mit welchem Wissen man auf Reisen geht, muss jeder für sich selbst entscheiden. Da will ich niemanden irgend etwas vorschreiben, aufdrängen oder empfehlen. Ich erzähle hier nur, wie ich es mache, was ich benutze und was ich davon halte.

 

Ein Paddeltrip soll Freude und Spaß machen! Der eine erreicht das mit „High-Tech“ und seinem Geldbeutel, der andere mit „Low-Tech“ und seiner Datenbank im Oberstübchen. Wichtig ist ein erfolgreiches, schönes und unfallfreies Erlebnis, wovon letztendlich beide Seiten und die vielen Outdoorler zehren, die zwischen diesen beiden Polen unserem Hobby frönen. Wenn dann alle Beteiligten noch die allgemeinen Outdoor-Regeln einhalten, ist jeder zufrieden, auch diejenigen, die mit uns nichts zu tun haben (wollen).

 

Angeprangert wird von mir nur die explodierende Unvernunft in der ständig wachsenden Outdoorgemeinde mit Mitgliedern unterschiedlichster Couleur, die unserem schönen Hobby immer mehr schadet und die Öffentlichkeit gegen uns aufbringt. Die unweigerlich fortschreitende „Reglementierung des Aufenthalts in der Natur“ weist ja bereits eindeutig in diese Richtung!

 

Warum sollen umsichtige, weitschauende Outdoor-Freaks, die die Gefahren der mutwillige, sinnlosen Zerstörung der Natur bereits jetzt schon erkennen und diesen schönen, heute noch frei zugänglichen Lebensraum auch für die nachfolgenden Generationen erhalten wollen, nicht ihre Stimme erheben gegen Borniertheit, Leichtsinn, Gedankenlosigkeit, und Torheit einiger unverbesserlicher Ignoranten? Wieso wird dann von diesen verstockten Leuten für ihr naturwidriges Tun bei den Befürwortern eines vernünftigen, sanften Outdoorlebens Toleranz eingefordert, die sie selbst gegenüber der Natur nicht einhalten, ja sogar ablehnen?

 

Ich hoffe, dass wir beide in diesem Zusammenhang an einem Strang ziehen, wenn wir vermutlich auch nicht im selben Boot sitzen, ich in einem alten Plastekahn und Du in einem modernen ... (Smiley: „zwinkern“)

 

 

 

 

 

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