KP-02 - Meine Probleme mit dem feinen Sand

 

verfasst 2010 - geändert am 04.08.2011

Blättert man in den Reiseprospekten, schwelgen die Veranstalter nur so von Sandstränden. Je feiner der Sand desto besser. Küsten mit Kies, Kiesel oder gar Steinen sind in der Touristikbranche verpönt und schlecht an den Mann / die Frau zu bringen.

Lesen Outdoor-Freaks solche Prospekte, wenn überhaupt, dann erkennen sie sofort, welche Strände von der tobenden Touristen schar übervölkert und welche ruhiger, also für ihre Zwecke besser geeignet sind. Außerdem wirkt eine enge Bucht wesentlich romantischer, wenn sie von steilen Felsklippen mit überhän-gender Macchia umgeben ist und man den Schrei einer Möwe noch als angenehm empfindet - und nicht wenn sie von den Betonwänden der Bettensilos mit den überhängenden Trockengerüsten für die tropf-nassen Handtücher von den am Abend vom Teutonengrill zurückgekehrten krebsroten Touristen eingerahmt wird und man dann bis spät in die Nacht hinein die dumpfe derbe sich ständig wiederholende Rhythmik der Synthesizer in den Discos mit ihren veralteten, speicherschwachen Computerchips wummern hört und auch zwangsweise mitfühlen muss. Die bringen zwar nur eine einzige Tonfolge bis maximal 300 Herz zustande, das gleichen sie aber dann mit Elektropower aus den mächtigen Laut- sprecher-boxen wiederaus.

Aber nein, es gibt auch Sandstrände und Buchten in die sich nur selten Leute aus Germania, Austria, Hollandia und anderen EU-Staaten verirren.

Ich erkundete vor 4 Jahre so eine romantische Bucht am mittleren Finger des Peloponnes. Die Bucht lag herrlich am Kap von Tenaron. Nur ein paar vereinzelte alte Häuser weiter oben und eine renovierte Burgruine, die zu einer noch nich tüberlaufenen Pension umfunktioniert worden war. Eine einzige schmale Straße führte in die Bucht, so schmal, dass die Wohnmobile der zivilisatorischen Individualtouristen oben auf der Höhe im Gänsemarsch rückwärts wieder auf die breitere Straße rangieren mussten, weil die Eigner der Wohnkutschen in ihrer Verblendung eine idyllisch Bucht mit ihren Hämorriden-Schaukeln (sorry, der Sarkasmus ging bei mir durch) erkunden zu müssen, dachten, sie würden in einem PKW sitzen und der Fahrer des ersten Motorhomes des Konvois viel zu spät bemerkt hatte, dass er in der immer enger werdenden Straße nicht mehr weiterfahren konnten. Es war ein Schauspiel für Götter und besser als jedes Slapstick-Movie.

Ich hatte mich zwischenzeitlich familiär eingerichtet. Auf der einzigen kleinen Anhöhe in einer separaten kleinen Bucht der großen Bucht hatte ich mein Lager aufgeschlagen. Der Sand war angenehm warm und weich. Ich legte mich unter das Tarp in den Schatten und genoss die Ruhe.

Am Nachmittag drehte der Wind leicht auf Nordwest und frischte dann auf, der Maistral hatte eingesetzt. Ich musste eingeschlafen sein. Als ich wieder aufgewacht war, knirschte es leicht zwischen den Zähnen. Mit den Finger versuchte ich der Ursache auf den Grund zu gehen - und holte ein Portion Sand aus dem Mund und schüttelte Sand aus meinen Haaren. Jetzt schaute ich mich um. Überall war Sand und bei jeder Böe wehte der Wind eine weitere Sandfahne über mein Lager. Ich untersuchte meine Kleidung, den Schlafsack, den ich zum Lüften geöffnet neben mich auf die Matte gelegt hatte, die Sitzluke und die aufgemachten Stauräume. Überall war Sand! Keine vereinzelten Sandkörner, nein,eine feine Sandschicht hatte sich über mein Lager und über mich gelegt und in den Ecken türmte sich der zusammengewehte Sand auf. In der Sitzluke und im hinteren Stauraum, in den ich das taunasse Tarp am Morgen verstaut hatte, klebte der Sand richtig fest.

Da hatte ich Äolus, den Gott der Winde, der mir den Maistral und denSand bescherte, richtig verflucht. Aber es half nichts! Der Sand verflüchtete sich nicht von alleine.

Ich packte notdürftig alles zusammen und paddelte zu der Pension hinüber, um mich dort einzuquar-tieren. War es der Frust, der Ärger oder meine Dummheit, ich weiß es nicht mehr. Elegant wollte ich auf einer Welle an den Strand surfen - vielleicht hatte ich auch die Paddelstütze falsch angesetzt - auf alle Fälle lief der Kajak quer und die Brandungswelle hatte mit meinem Kajak und mir ein leichtes Spiel. Als ich mich aus dem Kajak befreit hatte, „herausgeschwommen“ war und ich mich im hüfthohen Wasser aufgerappelt hatte, schaute ich schnell um mich, ob es Zuschauer gegeben hatte. Zum Glück war der Strand menschenleer. Scheinbar hatte niemand mein beschämendes „nasses Ausbooten“ bemerkt. Ein paar Möwen krächzen. Ob die mich jetzt auslachen?

Nachdem ich mich in einem Zimmer mit Terrasse eingemietet hatte, transportierte ich meine gesamte bewegliche Habe zu meinem neuen Quartier, schüttelte soweit es ging den Sand herausund legte alles zum Trocknen auf die Veranda. Den leeren Kajak schleifte ich zu einer einigermaßen ruhigen Stelle nochmals ins Wasser und spülte ihn aus. Über einen Mauervorsprung aufgebockt, wischte ich mit dem Schwamm den restliche Sand aus den Luken. Immer wieder musste ich erneut mit einem vom Wirt geliehenen Eimer nachspülen aber immer wieder sammelte sich noch Sand an den Schottwänden. Die allerletzten Körner ließ ich dann im Boot.

Inzwischen war die Ausrüstung getrocknet und ich konnte beginnen, sie vom Sand zu befreien. Kurz nach Sonnenuntergang waren die Putzarbeiten erledigt und ich fertig, am Boden zerstört -nahezu wortwörtlich.

Ich duschte mich, zog des Paddlers „Ausgeh-Uniform“ an, T-Shirt, Shorts und Schlappen, bestellte mir eine große Portion Fisch mit Beilagen und gönnte mir trotz dem „Lehrgeld“, das ich heute zahlen musste, eine Halbe. Als der Wirt mit dem 4. Bier ankam, meinte er auf Englisch: „Das geht auf das Haus für Ihre Schufterei beim Reinigen Ihres Bootes.“ Dabei setzte er ein breites Grinsen auf und fügte hinzu: „Wir haben Ihnen zugeschaut, wie Sie den Landfall so bravourös gemeistert haben, wie bei Buster Keaton und Charlie Chaplin, einfach meisterhaft! Wir haben uns selten so amüsiert.“

Ich wurde ganz kleinlaut und zog den Kopf ein ... erinnerte mich an die Karawane der Wohnmobile oben auf den Klippen. Trotzdem ließ ich mir das spendierte Bier schmecken. Mit dem Wirt, er war Pope, und seiner Familie und den zur Zeit noch wenigen Gästen zusammen und mit einer Kommunikation in Eng- lisch, Deutsch, Bayerisch und mit der internationalen Zeichen- und Gebärdensprache klang der Abend doch noch recht fröhlich aus.

Seit diesem Vorfall vermeide ich jede Sandbucht und fahre lieber zur nächsten weiter, in der Hoffnung, dort auf die von Urlaubern so geschmähten Kies, Kiesel oder Steine zu stoßen.

Meine persönliche Erfahrung und meine daraus vollzogene Entscheidung sollen aber keineswegs davon abhalten, trotzdem in einer lieblichen Sandbucht oder an einem schönen Sandstrand das Lager aufzu-schlagen.

   

 

 

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