KN-10 - Terrestrische Navigation der einfachen Art - Inselsprung

 

 verfasst 2012 - geändert am 12.05.2012

 

Die kleinste nautische Aufgabe bei einer Überfahrt zu einer Insel ist,wenn man zu ihr hinüberschauen kann und sie ständig im Blickfeld hat, konstante Wetterverhältnisse vorausgesetzt. Gleiches gilt auch für die Querung von Buchten. Solange man auf Sicht paddelt, macht das Navigieren überhaupt kein Problem! ...?

 

Na ja, ganz so einfach ist die Angelegenheit allerdings nicht. Dazu ein Beispiel aus meiner Seekajak-Praxis:

 

Die Insel Vis in Dalmatien liegt rund 50 km südwestlich von Split in der Adria. Wenn man von der Ortschaft Primosten aus auf der Seeseite der Insel Solta entlang in Richtung zu den Inseln Brac und Hvar paddelt, kann man draußen auf dem Meer die bis 570 m hoch aufragende Insel Vis bewundern. Von Solta liegt Vis rund 35 km entfernt in der Adria. Man kann also rund 470 Höhenmeter der Insel erkennen, der Rest von 100 Höhenmetern verschwindet hinter der Kimm. (siehe dazu meinen Beitrag KT-11 - Sichtweite - Teil 2)

 

Diesen majestätischen Anblick der Insel, genoss ich bei guter Fernsicht in voller Schönheit, als ich dort im Jahre 2010 vorbeikam. Acht Jahre zuvor, auf meiner ersten Seekajaktour, hatte ich die Insel gerade noch verschwommen im Dunst ausmachen können. Als ich am nächsten Tag von einer Bucht der Insel Brac aufgebrochen war, um die 35 km nach Vis hinüberzupaddeln, war die Insel überhaupt nicht mehr zu sehen, die Lufttrübung an diesem Morgen hatte sie total verschluckt. Ich bin aber dennoch losgefahren - mit Hilfe meines Kompasses.

 

Am Abend zuvor hatte ich den Kurs zur Ortschaft Vis in einer Bucht im Nordosten der gleichnamigen Insel bestimmt und die 220 Grad am Kompass eingestellt. Ungefähr in der Mitte der Strecke, nach rund 18 km, musste ich zwischen den im äußersten Westen vorgelagerten Eilanden der langgezogenen Insel Hvar hindurchpaddeln. Für mich war das ein zusätzlicher Sicherheitsfaktor, eine Art „Notausstieg“, auf meinem zweiten größeren Inselsprung innerhalb kurzer Zeit.

 

Wenige Tage zuvor war ich nonstop von der Bucht Lopatika, ungefähr in der Mitte der langen Kornateninsel, bis zu deren Südspitze gepaddelt, dann weiter durch das auslaufende Archipel der Kornaten bis zum Leuchtturm Blitvenica. Von da aus folgte eine ebenfalls 35-Kilometer-Überfahrt bis zur Halbinsel Kanica auf dem Festland östlich der Ortschaft Rogoznica. Allerdings herrschte während der ganzen Etappe hervorragende Sicht und ruhiges Wetter. Die zurückgelegte Gesamtstrecke betrug an diesem Tag rund 65 km.

 

Wie man einen Kurs absetzt, ist in meinem Beitrag „KN-04 - Der Kompass und wie man ihn benutzt“ beschrieben.

 

Die Insel Hvar war bereits zu Beginn meiner Überfahrt gut zu erkennen und der Kompasskurs deutete auf die Westseite der Insel. Das Wetter war ruhig, kaum Wind, sonnig, nur die Sicht war nicht überwältigend. Gegen 08.00 Uhr war ich aufgebrochen, ungefähr um 11.00 Uhr passierte ich die Durchfahrt zwischen den Inseln am Westkap von Hvar. Bereits seit zwei Stunden konnte ich die Insel Vis im Dunst, erst sehr schwach, dann aber immer deutlicher erkennen. Der Kompass zeigte weiter östlich der Insel auf das offene Meer hinaus. Trotzdem blieb ich unbeirrt auf meinem errechneten Kurs. Allmählich tauchte hinter der Kimm die niederen Höhenzüge der Insel Vis im Osten auf und mein Kajakbug wanderte bei gleichbleibendem Kurs langsam aber beständig inseleinwärts. Ab der letzten Stunde konnte ich die Einfahrt in die Bucht deutlich erkennen und ich freute mich, dass meine Winkelberechnung bei dieser Überfahrt ohne anfänglichen Sichtkontakt sehr genau war. Gegen 14.00 Uhr war ich an meinem Ziel in der Ortschaft Vis angelangt. Ich hatte meinen zweiten größeren Inselsprung erfolgreich durchgeführt.

 

Fazit:

 

Beim Inselshüpfen, dasselbe gilt natürlich auch für Querungen von großen Buchten, ist ein Kompass, am besten ein auf dem Kajak fest montierter, zwingend erforderlich, selbst wenn man das Ziel sehen kann! Eine unmittelbare Wetteränderung (Dunst, Nebel) kann sehr schnell zu einer Sichtbeeinträchtigung führen. In einem unvorhergesehenen Regenschauer ist nichts mehr zu erkennen! Da sollte man froh sein, sich auf einen zuverlässigen, anspruchslosen Helfer (Kompass!) verlassen zu können, der immer zur Stelle ist und nicht erst aus den Tiefen des Kajaks herausgekramt werden muss. Moderne Seekajaks haben dafür bereits entsprechende Halterungen vorgesehen oder werden von Haus aus mit einem elegant in die Deckschale vollständig integriertem Kompass ausgeliefert.

 

Ein Tipp: Wenn man das Ziel sieht, sollte man sich auf alle Fälle den Kurs merken und immer wieder kontrollieren. Mein auf dem Seekajak selbst montierter Kompass besitzt einen Einstellring, mit dem ich den Kurs direkt markieren kann. Das mache ich sogar schon bei der Planung meiner nächsten Überfahrt. Kann ich das Ziel von meinem Startplatz aus erkennen, peile ich es mit dem Kompass auf dem Kajak an. Ist das Boot schon aus dem Wasser, drehe ich den Bug auf das Ziel und lese den Kompasskurs ab. Mit dieser simplen Methode bräuchte ich nicht einmal eine Berechnung in der Karte mit der Berücksichtigung der Missweisung durchführen. Trotzdem ermittle ich zusätzlich den Kurs in der Karte, um eine weitere Sicherheit zu erhalten!

 

Die direkte Peilung, wenn sie möglich ist, wird insbesondere in Gegenden interessant, in denen die Missweisung unbedingt berücksichtigt werden muss. Zum Glück ist das im Mittelmeer nur selten der Fall. Allerdings nimmt sie im Verlauf der Jahre ständig zu und in der Ägäis sollte man sie jetzt schon in Betracht ziehen, zumindest bei der Rundung der Kurszahl in Abstimmung mit dem Kompass. In der nördlichen Ägäis liegt nach meinen Berechnungen und den Daten aus meiner Seekarte die Missweisung heuer (2012) bereits bei 3 Grad 31 Minuten Ost. Bei einer Paddel-Strecke von 35 km (wie im Beispiel oben oder in der nördlichen Ägäis, in der betroffenen Region, z.B. eine Überfahrt von Euböa nach Skyros) läge die maximale Abweichung bereits bei über 2 km. Mein Kompass besitzt eine Skalierung in Fünf-Grad-Schritten. In den Paddel-Revieren, deren Abweichung über „2 Grad 30 Minuten Ost“ liegt, runde ich grundsätzlich auf den unteren „Fünfer-Strich“ ab. Beispiele in der Einheit „Bogen-Grad“: 131 → 130, 95 → 90, 19 → 15, 290 → 285 usw.

 

Diese kleine Einführung, eigentlich ist es mehr eine Zusammenstellung meiner früheren Beiträge zu diesem Thema (siehe dazu auch das Kapitel: Kajak - Navigation), beschreibt natürlich nur den Idealfall. Es sind noch keine zusätzlichen Einflüsse berücksichtigt, die zwangsweise zu einer Kurskorrektur führen müssen. Auf diese wichtigen Punkte werde ich in meinem nächsten Beitrag eingehen.

 

 

 

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