KE-03 - Qualitätsanspruch an das Paddel-Equipment

 

verfasst 2011 - geändert am 05.04.2011

 

Wie hoch muss der Qualitätsanspruch an das Paddel-Equipment sein, um eine Solo-Seekajak-Reise unbe- schadet überstehen zu können. So hoch wie nur irgend möglich, werden jetzt viele spontan denken. Das ist im Prinzip richtig. Nur was versteht der Einzelne von uns unter hoher Qualität?

 

Für den einen entspricht ein schneller Kajak seinen optimalen Anforderungen, für den anderen ein extrem leichter, wieder ein anderer möchte einen unverwüstlichen und der nächste einen mit einem riesiges Stau- volumen und alle fordern, die Boote müssen schön und elegant aussehen. Das Gleiche gilt für das Paddel: stabil oder filigran, schwer oder leicht, breites oder schmales Blatt usw., alles Gesichtspunkte, die von den einzelnen Paddlern berücksichtigt werden müssen. Jeder hat seine eigene Vorstellung von Güte - und sei- ne eigene Philosophie zum Seekajaking!

 

Ich kann nur von meiner Warte ausgehen. Jeder Kajaker wird seine Prioritäten anders setzen. Dennoch möchte ich als Beispiel und als Entscheidungshilfe meine Gründe darlegen,wie ich zu den einzelnen Aus- rüstungsgegenständen mit unterschiedlicher Qualität gekommen bin und wie ich zu meiner Entscheidung stehe.

 

1 - Voraussetzungen

 

Wenn ich meine Touren beschreibe, kann ich folgende Kriterien herausfiltern:

- Soloreisender, der auf sich selbstgestellt sein will,

- Seereisen von über 1.500 km in einem Einer-Kajak,

- Küstentouren und Inselspringen,

- Reisedauer bis zu 3 Monaten jeweils im Sommer,

- ausschließlich am Mittelmeer,

- überwiegendes Outdoorleben in der freien Natur mit gelegentlichen Abstechern in die Zivilisation und dem Eintauchen in die jeweilige Kultur und Sozialstruktur der zu besuchenden Länder.

 

Hier sind wieder die 6 W-Fragen enthalten und auch deutlich zu erkennen (wer, wie, was, wann, wo,warum - siehe dazu meinen Beitrag BK-07 - "Normierte Entscheidungshilfe - Die 6 W-Fragen"). Mit diesen allgemeinen Hinweisen, wird bereits die Ausrüstung in groben Zügen festgelegt. Und auch die einzelnen individuellen Qualitätsmerkmale lassen sich daraus leicht ermitteln.

 

2 - Qualitätsmerkmale

 

Allein mit dem Beantworten der 6W-Fragen kann ich schon einige Gütefaktoren der zu verwendenden Aus- rüstung primär festlegen:

- großes Packvolumen, insbesondere für Verpflegung und Wasser, um autark zu sein,

- absolut zuverlässiges Material, weil man auf sich selbst angewiesen ist,

- stabil und nahezu unverwüstlich, damit wenig Reparaturen und unterwegs keine Ausfälle eintreten,

- leichte Bekleidung, weil die Reisen am Mittelmeer im Sommer durchgeführt werden,

- einfaches Lager, weil man meist jeden Tag wo anders übernachten wird.

 

 

Bild 1: Gesamtansicht meiner Kajakausrüstung, die ausschließlich zum Paddeln erforderlich ist - Vorn: Paddelanorak, Sitzlukendeckel, Schwimmweste, Spritzdecke, Bootswagen - Mitte: Kajak - Hinten: leichtes Karbonpaddel, Reservepaddel. Nicht auf dem Bild ist die Kleidung am Mann: Badehose,T-Shirt, Schirm-mütze, Paddelhandschuhe und wasserfeste, stabile Allround-Sandalen für Strand und Stadt.

 

3 - Kajak

 

Der Kajak muss so beschaffen sein, dass ich ihn neben dem Paddeln alleine handhaben kann. Das heißt er muss so robust gebaut sein, um ihn vollbeladen an Land ziehen zu können, über Sand aber auch über Steine, Beton und Felsen. Bei hoher Brandung ist es nicht möglich, den Kajak trocken auszuladen und ihn dann an Land zu tragen.

 

Die einfache Handhabung heißt abe rauch, dass kurze Sitzluken, in die man nur mit den Füßen voraus und mit einer Paddelstütze hineinschlüpfen kann, für einen Solopaddler auf Langtouren grundsätzlich entfallen. Beim Ein- und Ausbooten, wenn die Wetterbedingungen ruhig sind, ist das noch akzeptabel. Aber wie komme ich bei Sturm nach einer Kenterung auf einer Überfahrt von einer Bucht oder zu einer Insel bei einer engen Luke mit den Füßen voran wieder ins Boot?

 

Ein mechanisch instabiles Hightech-Leichtgewicht, das auf Kosten der Robustheit verwirklicht worden ist, wie es von vielen Kanuten bevorzugt wird, kann ich bei einer Langfahrt in unbekanntem Terrain nicht ver- wenden, weil ich an felsigen Küsten beim Anlanden mit Grundberührungen rechnen muss und dadurch Haarrisse im Gelcoat oder sogar Brüche riskiere. Durch das große Gepäckvolumen, das ich als Solopaddler benötige, um längere Zeit ohne zusätzlich einkaufen zu müssen, unterwegs sein kann, verbietet sich mir ein schmaler, enger Kajak von Haus aus. Außerdem möchte ich bei einem kippeligen Boot nicht ständig mit dem Paddel ausgleichen müssen.

 

Mag ein Skeg für einen leeren, schnellen Kajak noch so ideal sein, für einen vollbeladenen ist ein Steuer- ruder immer noch erste Wahl, weil man damit zusätzlich zum Paddel bei hoher See viel leichter manövrieren kann, insbesondere wenn man parallel zu der Wellenfront paddelt und bei den „Hohen Drei“ (wenn sie zu Brechern ausarten) immer wieder senkrecht zu den Wellen drehen muss. Bei Küstenfahrten unmittelbar un- ter Land paddelt man ja in der Regel an der Brandung entlang und sehr selten mit oder gegen die Wellen.

 

4 - Paddel

 

Wenn man bedenkt, dass man zwischen 1.500 und 2.000 km, je nach Fahrweise und Wetterbedingungen, rund 1.000.000 Paddelschläge absolviert, weiß man was es heißt, ein leichtes Paddel führen zu können. Leichtigkeit ist aber unverträglich mit Robustheit. Das habe ich gewusst und bewusst in Kauf genommen, als ich beim Paddel ein Leichtgewicht ausgewählt habe. Bei der „Schaufel“ habe ich mich als einzigen Gegenstand für geringes Gewicht auf Kosten der Stabilität entschieden. Dementsprechend muss ich allerdings auf mein neues Paddel aufpassen,denn ich habe dafür einmal Lehrgeld bezahlt, weil ich ein Karbonpaddel angerissen habe (war aber ursächlich ein Materialfehler). Es wie beim Wildwasserfahren einzusetzen - darauf muss ich aber verzichten.

 

Nicht verzichten muss ich aber auf die große Länge. Mein Paddel misst 2,40 m und hat im Gegensatz zu den speziellen Seekajak-Paddeln ein breites Blatt. Ich habe absichtlich diese Ausführung gewählt, weil ich das Paddel mit meiner Muskelkraft noch voll durchziehen, und somit meine ganze Energie unmittelbar auf die Fortbewegung konzentrieren kann, auch bei starkem Gegenwind. Nur einmal bin ich bei extremen Böen mit dem großen Paddelblatt (Drehung nicht 90 Grad, sondern 75 Grad) ein paar Mal in Schwierigkeiten gekommen, als ich im Jahre 2006 von Euböa die rund 10 km hinüber zum Festland gepaddelt bin.

 

 

Bild 2: Karbonpaddel, linksgedreht, 75 Grad, großes Blatt, 2,40 m lang, versehen mit einem gelben Schnur-wickel als Griff für die „festhaltende“ linke Hand. Geteiltes Reservepaddel aus Holz, das in der Sitzluke ver- staut wird. Auf dem Blattrücken habe ich einen Neoprenstreifen mit Klebeband befestigt, damit das Paddel an der Bootswand nicht scheuert. Das Reservepaddel habe ich bisher nur ein einziges Mal bei einem Paddelbruch gebraucht. Ganz links liegt das abgebaute Steuerruder.

 

Das Reservepaddel besteht aus Holz und ist mein erstes Paddel überhaupt, bereits über 40 Jahre alt. Es wurde von mir auf 2,00 Meter gekürzt und neu lackiert, so dass es in die Sitzluke passt. An Zuverlässigkeit und Robustheit steht dieses Paddel dem Boot in nichts nach. Mit nachträglich eingefeilter Nut in die Hülse bei 75 Grad in Linksdrehung habe ich das Paddel meiner üblichen Benutzung individuell angepasst.

 

5 - Sonstige Kajakausrüstung

 

Auf die Steueranlage muss ich mich unbedingt verlassen können. Ich fahre mit einem großen Steuerblatt, das für Zweierkajaks konzipiert worden ist und bin vollauf damit zufrieden. Steuermechanik am Blatt, Pedale im Boot und auch der Steuerbeschlag am Kajakheck haben den erhöhten Belastungen bis jetzt problemlos standgehalten und zu keiner Beeinträchtigung geführt.

 

 

Bild 3: Steuerblatt am Heckbeschlag montiert. Nach 10.000 km auf dem Meer funktioniert es noch genau so, wie am ersten Tag.

 

Unabhängig von der allgemeinen negativen Meinung des Prijon-Fußsteuersystems in Paddlerkreisen, kann ich nach einer eigenhändigen Verbesserung am Hecksteuerbeschalg (abgedichtet) nur Positives berichten. Den großen Vorteil bei der so zahlreich bemängelten Pedalanordnung an den Bordwandseiten sehe ich in der mittigen Anordnung der Fußlenzpumpe, so dass ich sie mit beiden Füßen abwechselnd bequem bedienen kann. Dadurch habe ich beide Hände frei, um den nach Kenterung und Wiedereinstieg im Sturm vollgelaufenen Kajak mit dem Paddel in der Balance halten zu können. Bei den Pedalen habe ich eine dreiteilige Hartschaumunterlage zwischen den Schäften des Reservepaddels eingeklemmt und mit dieser für einen festen Halt im Boot gesorgt und gleichzeitig für die Fersen eine angenehme Auflage zur leichten, ermüdungsfreien Steuerpedal-Bedienung geschaffen. Außerdem dient die Schaumstoffunterlage im Lager als Sitzkissen. Wenn man pragmatisch an eine Sache herangeht, erreicht man meist eine sinnvolle Verbesserung und vielleicht noch andere Vorteile hinzu.

 

Der spezielle Kajak-Kompass mit großer Bussole ist auf dem Kajak mit einem selbst angefertigten Sockel fest montiert und hat mich noch nie in Stich gelassen. Lediglich die Dämpfungsflüssigkeit hat sich leicht ver- färbt. Er ist äußerst robust und hat schon einige unliebsame Rempeleien an Felsen über und unter Wasser überstanden.

 

Die Spritzdecke ist eine normale Nylon-Schürze. Wegen der langen Luke von 92 cm wurde sie mit einer Querstrebe versehen und hat schon manchen schweren Brecher schadlos und absolut dicht überstanden. Nach rund 9.000 km hat ihr aber die UV-Strahlung der Sonne stark zugesetzt, so dass sie ausgewechselt werden musste. Der weiche Kamin lässt sich mit den Trägern nach unten verschieben, so dass es bei ruhi- ger See angenehmer und luftiger zum Paddeln ist. Eine Neopren-Spritzdecke ist im Mittelmeer nicht erforderlich und auf Langfahrten auch nicht zweckmäßig, ja sogar unbequem, wenn man sie wegen des engen, einschnürenden Kamins den ganzen Tag tragen muss.

 

Der Kajakwagen besitzt keine Querachse. Er lässt sich deshalb sehr leicht in die Luke einfädeln. Auf der Fahrt benötige ich ihn nur zu kurzen Portagen über Landengen (meist auf Straßen oder befestigen Wegen mit bisher maximal 8 und überwiegend gekarrten 2 bis 3 Kilometern) oder von und zur Fähre. Dieses relativ einfache Modell reicht für meine Zwecke völlig aus. Allerdings ist es nicht für lange Portagen mit voll beladenem Boot und auch nicht im extremen Gelände geeignet. Bei schwerer Beladung des Kajaks, wenn die Räder des Wägelchens bereits nach außen gebogen worden sind, habe ich die beiden Radachsen als Ersatz für die Querachse mit einer Reepschnur (nach Art eines Flaschenzugs) provisorisch abgespannt. Dadurch habe ich die Bruchgefahr des Alurohrs verringern können.

 

 

Bild 4: Bootswagen voll montiert und mit Spannseilen bestückt. Beim Verstauen in der vorderen Stauluke werden die Räder abgenommen und das Gestell zusammengeklappt. Weil er keine Querachse besitzt, lässt er sich leicht in die Luke schieben. Links liegt die Spritzdecke. Sie kam bei der letzten Fahrt als Auswechs- lung zum ersten Mal zum Einsatz. Dieser Typ von Spritzdecke hat sich nach meiner Meinung im Mittelmeer bestens bewährt.

 

6 - Lager

 

Um am Mittelmeer im Sommer übernachten zu können, benötige ich eigentlich kein Zelt. In der Regel kom- me ich mit einer Liegematte, einem Schlafsack und einem Tarp zurecht. Ein Zelt dient eigentlich nur als Mückenschutz und zum Abhalten von allzu neugierigen Blicken. Ein Einfachzelt reicht in dieser Region völlig aus. Auf der letzten Reise habe ich sogar darauf gänzlich verzichtet.

 

Liegematte und Schlafsack bedürfen am warmen Mittelmeer auch keiner extrem anspruchsvollen Qualität, so dass getrost auf die speziellen teuren „nordischen“ Ourdoormarken verzichtet werden kann.

 

An Verpflegung nehme ich bei dieser Hitze relativ wenig mit. Ein paar Konserven und eine Notration. Der Rest ist frische Nahrung, die ich vor Ort einkaufe. Wenn ich einmal mit meinem kleinen Topf gekocht habe, geschah diese auf einem kleinen offenen Feuer direkt am Strand, um nicht mit den Behörden in Konflikt zu kommen. Große Lagerfeuer, wie sie oft von Touristen entzündet werden, sind nicht gern gesehen. Ich habe einmal am Strand von Marathon erlebt, wie Polizisten an meinen kleinen Flammen kommentarlos vorbeige-gangen sind, aber dieses Freudenfeuer wegen des starken Funkenflugs unterbunden haben.

 

Das einzige, was ich in ausreichender Menge im Mittelmeerraum, insbesondere in der Ägäis, dabei habe, ist Mineralwasser in Plastikflaschen. Die leeren Flaschen verstaue ich bis zur Entsorgung im Bereich der Fußlenzpumpe und sie würden im Falle einer Kenterung dann als zusätzliche Auftriebskörper und Verkleinerung des Sitzlukenvolumens dienen, um nicht mehr so viel auspumpen zu müssen.

 

7 - Kleidung

 

Als tägliche Kleidung sind Badehose, T-Shirt, feste Badesandalen, Schirmmütze und die Paddelhandschu- he die ständig benutzten Gegenstände. Nur wenn ich an Land gehe, ziehe ich eine lange Sporthose und ein sauberes langes T-Shirt an. Mehr an Kleidung habe ich bei meinen Langfahrten nicht nötig - wohlge- merkt im sommerlichen Mittelmeer. Outdoorkleidung wie beim Trecking ist beim Paddeln nicht erforderlich!

 

Spezielle Kajak-Ausrüstung, bis auf eine Schwimmweste und einen Kajakanorak, nehme ich nicht mit. Bei der Paddeljacke ist anzumerken: Ich benutze sie sehr selten, nicht einmal bei leichtem Regen. Sie besitzt zwar eine Goretex-Membrane, aber deren Wirkung ist im Mittelmeer gleich null, weil der Temperaturunter-schied von innen nach außen nicht sehr groß ist. Außerdem verstopfen die Salzkristalle durch das ständige Überspülen mit Meerwasser die Poren, so dass die Atmungsaktivität zusätzlich stark beeinträchtigt wird. Eine einfache Regenjacke würde vollauf genügen.

 

8 - Fazit

 

Ich hoffe, man kann erkennen, worauf ich bei meinen Touren besonderen Wert lege. Im Prinzip bilden dabei die Schwerpunkte das Boot (3), das Paddel (4) und das direkte Kajak-Zubehör (5). Das muss nach meinem Verständnis und Verwendungszweck von guter bis sehr guter Qualität sein, denn daran hängt das Gelingen meiner Reisen.

 

Alles andere ist eigentlich keine spezielle Outdoorausrüstung, muss sie auch an den sommerlichen Gestaden des Mittelmeers nicht sein. Ich ziehe Naturfasern der Bequemlichkeit halber dem Soft- oder Hard-Shell-Equipment vor. Weil Gewicht bei meinen Langfahrten im Kajak nicht die dominierende Rolle spielt, kann ich auf teure Ultraleicht-Ausrüstung verzichten.

 

Über Nautik habe ich in den vorangegangenen Beiträgen ausführlich berichtet und muss es hier nicht mehr extra erwähnen.

 

Ich habe in diesem Beitrag am Beispiel meiner Touren aufgezeigt, wie ich meine Standards bei längeren Küstenpaddelreisen festgelegt habe. Natürlich können sie nicht als Maßstab gewertet werden - zu vielfältig sind die Interessen der einzelnen Seekajaker, so wie ich es anfangs kurz angerissen habe.Vielleicht kann aber der eine oder andere von Euch an Hand meiner Beispiele für sich selbst eigene Gütekriterien ent- wickeln, die er dann bei seinen Paddeltouren verwirklichen kann.

 

Alle anderen Qualitätsanforderungen wie beim Photographieren, bei der Hygiene, Verpflegung, elektroni- sche Ausstattung usw. gehört in den privaten Bereich, der so individuell ausgelegt werden kann, dass es nicht zweckmäßig erscheint, in diesem Grundkonzept einer Seekajak-Fahrt darauf einzugehen. Dazu bitte ich in den einzelnen Fachforen zu recherchieren.

   

 

 

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