BB-03 - Artikel: Selbstverteidigung (150-Jahr-Feier unseres Vereins)

 

verfasst 2011 - geändert am 30.05.2012

 

Selbstverteidigung- Bado und MMA für die Straße

 

Von Walter Hochmuth, Trainerassistent

 

Die Judo-Abteilung beim TSV Mainburg beherbergt noch zwei weitere Gruppen, die sich auf die reine Selbstverteidigung spezialisiert haben. Darin werden nicht nur die Judo-Techniken angewendet, sondern aus den verschiedenen Disziplinen des Budosports und von weiteren Kampfsportarten aus aller Welt die wirksamsten Anwendungen extrahiert und in ein Selbstverteidigunssystem eingebunden. Diese beiden Sparten nennen sich „Bado“ und „MMA“ und werden hier vorgestellt.

 

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Bado: Kampfsport, Kampfkunst oder „nur“ Selbstverteidigung?

 

Nein, es ist keiner der drei Begriffe. Bado, der „Bajuwarische Weg“ (ba = bajuwarisch, do, jap. = der Weg) ist eine Lebenseinstellung.

 

 

Eine „Holledauer Entwicklung“, geschaffen von unserem Vereinsmitglied Karl Plass, gewachsen über die Jahre aus östlichen und westlichen Kampfkünsten. Das Hauptaugenmerk des „Bado“-Trainings liegt darin, den gegnerischen Angriff so früh, so schnell und so stark wie möglich abzufangen oder weiterzuleiten.

 

Wer in unserer Gemeinschaft übt, kommt mit seiner Gesundheit und seinem Wissen und geht mit etwas mehr wieder fort. Frauen oder Männer pflegen bei uns untereinander einen guten Umgang. Aber auch die Kampfsporttechniken sind nicht zu unterschätzen. Sie sind einfach und wirkungsvoll.

 

Die sechs wichtigsten Bado-Prinzipien:

 

1 - Einfach:

Keine komplizierten Bewegungen ausführen - wenige aber wirksame Techniken erlernen.

 

2 - Direkt:

Die unmittelbare, kurze, schnelle Abwehr führt geradewegs zum Ziel.

 

3 - Bescheiden:

Effiziente Aktionen verbieten extravagante Schnörkel im Sinn der Kung-Fu-Filme.

 

4 - Technik:

Schläge, Tritte, Ab-/Weiterleiten, Winkelarbeiten und Partnerübungen werden angewendet.

 

5 - Erfolg:

Jede Trainingseinheit wird mit etwas mehr an Gesundheit, Fitness und Wissen verlassen.

 

6 - Teilnehmer:

Bado ist auch für Seh- und leicht Gehbehinderte geeignet.

 

 

Diese Anwendungen wurden in einer kurzen Form (Handlungsschema) zusammengefasst, um sie fließend links und rechts, trainieren zu können. So ist es möglich, mit dieser „Ausgleichsübung“ sich zwischendurch auch zu Hause oder sogar im Büro einmal schnell zu entspannen. Durch Partnerübungen im Training werden wir die Techniken perfektionieren.

 

Bei der Bado-Winkelarbeit, mit und ohne Waffen, wird mit Flussbewegungen gearbeitet und der Übende erlernt dadurch Geschmeidigkeit, Anpassung an die verschiedenen Gegner und wie man sie am leichtesten abwehren kann.

 

Wir vermitteln auch die Psychologie der Abwehr und besprechen gemeinsamdie Einzelfälle: Wie verhalte ich mich in einer ganz bestimmten Situation. Ein unliebsamer Annäherungsversuch auf einer Party muss anders angegangen werden, als eine derbe Wirtshausschlägerei und der Überfall in der Nacht auf dem einsamen Nachhauseweg von der Spät- oder Nachtschicht weist ganz andere Dimensionen und Herangehensweisen auf.

 

Angriffsabwehr auf der Straße hat weder etwas mit der Ästhetik und Akrobatik der Shaolin-Mönche zu tun, noch mit den Hochglanzbroschüren der so häufig angebotenen Selbstverteidigungskurse. Die Wirklichkeit sieht ganz anders aus! Da wird man mit Wut, Zerstörungswillen, Triebhaftigkeit, Sadismus, Trunkenheit, Demütigung und dem Tunnelblick des Gegners konfrontiert und hat selber Stress, Ekel, Angst aber auch die eigenen Aggressionen zu überwinden. Mit all diesen Erscheinungen muss man bei einer Konfrontation sehr schnell klarkommen, um eine Situation richtig einschätzen und meistern zu können.

 

 

Das Konzept des Bado geht weit über den reinen Kampfcharakter hinaus. Unser Training verbindet Kraft, Flexibilität, Geschwindigkeit, ein gutes Balancegefühl und Meditationstechnik zu einer Einheit, um dadurch Körper und Geist in Einklang zu bringen.

 

In einem Feldversuch prüfen wir zur Zeit eine Anwendung von Visual-Trainern, um den Übungserfolg zu verbessern und ihn messtechnisch ermitteln zu können. So wird Gleichgewichtssinn von Trainingsteilnehmern mit neuesten Methoden während einer Trainingperiode regelmäßig überprüft und so festgestellt, ob ein Fortschritt eingetreten ist. Gegebenenfalls werden die Trainingsmethoden in gemeinsamer Absprache zwischen Vereins- und Visual-Trainer und mit dem Sportler entsprechend angepasst. Gerade der Gleichgewichtssinn ist im Kampfsport von immenser Bedeutung und es ist unser Ziel, diesen permanent zu verbessern.

 

 

Dabei werden vier wichtige Sinne bei einem Kampfsport in das Verfahren einbezogen: der vestibuläre oder labyrinthische Sinn (unbewusstes Gleichgewicht), der kinästhetische Sinn (bewusste Gleichgewicht), der taktile Sinn (Tastsinn) und das Sehen.

 

Für einen eingebundenen Sportler werden folgende Voraussetzungen erfüllt:

 

1 - einfach und zumutbar für den Trainierenden,

 

2 - zeit- und kostengünstig,

 

3 - liefert reproduzierbare Ergebnisse, sowie ein hohes Unterscheidungsvermögen,

 

4 - Optimierung der visuellen und körperlichen Leistungsfähigkeit im Sport - Screening (Leistung) zwischen (vorher) vor dem Training und (nachher) nach dem Training.

 

 

Nebenbei sei darauf hingewiesen, dass diese Trainings- und Prüfmethoden eines unserer Vereins-Mitglieder entwickelt hat und er durch andere TSV-Angehörige beim Bau der sehr einfachen, logisch nachvollziehbaren Prüfinstrumente mit ihrem handwerklichen Geschick unterstützt wurde. Das Bado-Team gibt ihm Gelegenheit, sein Verfahren zu testen, zu verfeinern und weiterzuentwickeln.

 

Ein kurzer Abschnitt aus der Homepage (www.visual-trainer.de) unseres Vereinsmitglieds Wolfgang Buttler sei im Bezug auf den Sport, insbesondere auf unser Bado hervorzuheben: „Jedes Körperteil des Athleten muss als Team zusammenspielen. So müssen auch die Augen immer optimal zusammenarbeiten, um Distanzen richtig einschätzen zu können. Bei den meisten Menschen sind hier Defizite in der Augenmuskulatur, sowie die damit verbundenen Datenübertragungen/-vermittlung ins Gehirn vorhanden. Damit eine einwandfreie Datenübermittlung und die daraus resultierenden Handlungen (z.B. Augen-Hand-Koordination) ohne Zeitverzögerung stattfinden kann, müssen Augen und Körper im Einklang sein. Auch das periphere Gesichtsfeld muss genutzt werden, um das Spielfeld zu überblicken (z.B. räumliches Denken) und Gegner und Teamkameraden schnell wahrzunehmen. Unter allen Anforderungen an einen Athleten muss dieser auch unter hohem physischen und psychischen Druck seine Konzentration sowie Kontrolle beibehalten.“

 

 

All die Bado-Fähigkeiten lassen sich nur durch ständiges Üben im ganzheitlichen Umfeld erlernen und die psychologische Einstellung zur Abwehr in Gesprächen mit Gleichgesinnten verbessern. Da heißt es dranbleiben! Ein Zitat von Karl Plass zeigt das Typische an seinem System: „Bado als Kampfkunst wurde nicht wie bei anderen asiatischen Sportarten als ein statisches Konstrukt mit festen Regeln geschaffen. Es entwickelt sich ständig fort, und passt sich dem wechselnden Niveau der Attacken und der Angreifer an!“

 

Wer sich für unser Selbstverteidigungssystem interessiert, kann bei unserem Training während der Judo-Saison, jeweils am Donnerstag von 19.45 Uhr bis 21.15 Uhr, gerne einmal zusehen oder auch ein Probetraining absolvieren. Wir würden uns auf Ihren Besuch freuen.

 

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MMA = Mixed Martial Arts zu deutsch: gemischte Kampfkünste

 

Wir verschmelzen in dieser Kampfsportart das wenig reglementierte und noch nicht versportlichte „alte Judo“, das eigentliche Jiu Jitsu der Samurai (Jujutsu, jap. = die sanfte/nachgebende Kunst) mit Ringen für den Bodenkampf und westliches Boxen mit Thaiboxen für den Standkampf. Viel Wert wird auf den Clinch (clinch, engl. = Umklammerung, in diesem Fall: Nahbereich) und Bodenkampf gelegt, da in dieser Distanz fast 90 Prozent aller Auseinandersetzungen enden und entschieden werden.

 

Alle Kampfsportarten oder Kampfkünste haben einen kriegerischen Ursprung. Es wurden Techniken entwickelt, um den Gegner mit einem möglichst geringen Maß an Eigengefährdung auszuschalten.

 

Zu der Zeit als die Fertigkeiten noch für reale Kämpfe verwendet wurden, war die Anzahl der einzelnen Techniken deutlich geringer. Diese wurden aber mit Hingabe und großer Ausdauer „eingeschliffen“. Das eigene Leben hing ja davon ab. Deshalb auch unser Credo: „Nur das Essentielle ist perfekt!“

 

Wir vertreten die Auffassung, dass nur das, was wir uns rein im Vollkontakt aneignen und lernen, auch in der Praxis draußen wirklich zu einem Erfolg führen wird. Das heißt für unsere Gruppe, nach ausgiebigem Einüben der Technik muss das Ganze im Vollkontakt-Sparring (spar with someone, engl. = sich mit jemandem auseinandersetzen) getestet werden. Unser Training ist deshalb entsprechend aufgebaut: 50% Technik und 50% Sparring. Nur so bekommen wir eine aussagekräftige Rückmeldung, ob diese Technik funktioniert oder verbessert werden muss.

 

Nicht zu unterschätzen sind bei einer realen Auseinandersetzung die „Nehmerqualitäten“ des Kämpfers, ein sehr wesentliches Attribut, das bei uns nicht zu kurz kommt. 

 

 

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